Es fehlen die Aufmärsche

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Etwas glänzt durch Abwesenheit in der Landschaft unseres Alltags. Diese Appelle zu demonstrieren, die vor zwei Jahren so zahlreich gewesen waren, wurden mit der Zeit immer seltener und damit verlor sich der Eindruck einer Stadt in immerwährender Anspannung. Selten gab es einen Monat, in dem wir Habaneros nicht zu einer Demonstration bestellt wurden, um Parolen zu rufen und feurigen Reden zu applaudieren. Man verabreichte uns regelmäßig die notwendige Dosis Hysterie, damit wir uns wie in einem ständigen Ausnahmezustand fühlten.

In jenen Tagen ununterbrochenener Aufmärsche wurden die öffentlichen Einrichtungen geschlossen, und die Verkehrsmittel der ganzen Stadt brachten Leute aus anderen Provinzen, die kamen, um die Zahl der Teilnehmer zu vergrößern. Zeiten, in denen die Strassen voller zertretener Papierfähnchen waren und voller Wassertanks, um den Durst zu stillen. Die Stadt kollabierte, und wir, die wir abwarteten, dass der Aufmarsch vorbeizog, hatten dieses Gefühl, mitten in einer nicht enden wollenden Mobilmachung zu leben. Das waren Tage, an denen man am besten zu Hause blieb, darauf wartend, dass die Rufe, die Nervosität und die Lautsprecher nachließen.

Trotz allem war es nicht ganz so wie es die Kameras und die Presseberichte schilderten. Die politischen Versammlungen – von der Regierung selbst organisiert – hatten auch ihre vergnügliche Seite. Den Schülern der Sekundarstufe gefiel es außerordentlich gut, dass man sie vom Unterricht befreite, und sie stattdessen inmitten der Menschenmassen herumtändelten. An den Arbeitsstellen bevorzugten viele das Durcheinander der Demonstration – das es ihnen möglich machte, sich nach Hause zu verdrücken – anstelle eines Arbeitstages unter der Aufsicht des Vorgesetzten. Selbst jene, die in den Bussen fremde Körper befummelten, fanden in der drückenden Enge von Aufmärschen einen wunderbaren Ort für ihre lüsternen Exzesse. Die informellen Verkäufer warteten, bis die Menschenmenge mit den “Hochrufen” fertig war und verkauften ihr dann unzählbare Massen von Erdnüssen, geschmierten Broten und Erfrischungsgetränken.

Nicht, dass ich die Aufmärsche vermisse, doch meine Stadt sieht anders aus ohne diese Begeisterungsausbrüche, ohne den von der Tribühne herunterrufenden Regierungschef, ohne die tausenden von Fähnchen schwingenden, echten oder falschen Enthusiasten.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Abschied vom Tutu*

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Die Diplomatie gehört zu jenen Künsten, die mir Unbehagen bereiten, zu jenen Tänzen, wo mir beim Zusehen übel wird. Je mehr ich mich darum bemühe, die Botschafter, Kanzler und dieses ganze Geschlecht von verschlagenen Personen zu verstehen, ich erreiche damit nur, dass mich ihre Taten nur noch mehr verwirren. Sie umarmen sich und verschenken ein Lächeln, sie tauschen Versprechen aus und erscheinen Hand in Hand auf den Fotos. Sie sprechen in meinem Namen, obwohl es schon lange her ist, dass sie in einen Bus gestiegen sind, in einer Warteschlange gestanden haben, und sie nicht die geringste Ahnung haben vom hohen Preis für ein Ei auf dem Schwarzmarkt.

Im letzten Jahr hatte das von „unserer“ Diplomatie aufgeführte Ballett viel von einem Tanz der Verführung. In roten Strümpfen betraten sie die Tanzbühne, und ihre Versprechungen von einer Öffnung haben so manchen geblendet. Jedoch, vom dritten Rang aus, wo wir Bürger sitzen, schien uns jede fouetté** kraftlos und die neuen – stets vorhersehbaren – Drehungen waren zum Gähnen.

Gelangweilt und enttäuscht von diesen Choreographien des äußeren Scheins, tanze ich lieber zum Son der Volksdiplomatie. Bei solch einer Verschwendung an Buffet und Champagner, halte ich es für besser, diese Krawatten tragenden Repräsentanten nicht weiter zu beachten. Es muss Formen geben, die näher am Bürger sind, wie Völker sich begegnen, in Kontakt treten und sich helfen können. Überlassen wir den Kanzleien die Schmierenkomödie der Absichtserklärungen und die Unterschriften unter Verträge, die man nicht erfüllen wird. Wir aber werden uns – unterdessen – einander annähern und uns einigen.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Tutu: Klassisches Ballettkostüm aus Tüllstoff für Ballerinas.
** Fouetté (frz. etwa: „gepeitscht“) werden im Ballett die raschen Drehungen um die eigene Körperachse genannt, bei denen sich die TänzerInnen auf der Stelle drehen. Mit dem Spielbein wird eine kurze “peitschende” Ausholbewegung vollzogen, während sich der Körper um das Standbein dreht und die TänzerInnen dabei auf Zehenspitzen stehen (hier ist das sehr schön zu sehen: Ballett-Glossar).

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Was kann man noch mehr wollen?

Anlässlich des Jury-Preises als bester Weblog
und zur Auszeichnung durch Reporter ohne Grenzen
im Wettbewerb „The Bobs“

Natürlich gibt es vieles, was mir noch fehlt. Und zwar nicht unbedingt Preise, sondern lange aufgeschobene Rechte, wie der in meinem eigenen Land gelesen werden zu dürfen. Noch bin ich es mir selbst schuldig, das alles in der realen Welt zu sagen und nicht in einem virtuellen Tagebuch. Diesen öffentlichen Raum, der heute Generation Y ist, in ein konkretes Dasein zu überführen, wo es ebenfalls von Trollen wimmelt und wo die Strafe schwerer ist als ein schlichtes Hacking. Ich brauche mehr als nur Kilobytes, ich benötige Realitäten.

Uns fehlt immer noch – und nach diesem Preis sehnen wir uns am allermeisten – das Recht, miteinander zu reden, unterschiedlicher Meinung zu sein und uns in der politischen Farbe einzufärben, die wir hier auf der Insel wollen. Lassen wir nicht zu, dass das nur ein auf den Bloggerkreis beschränktes Phänomen bleibt, wir müssen uns auf die Suche nach dem Hauptgewinn machen: der Meinungsfreiheit.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Abgekaute Fingernägel


Endlich hat das Warten auf die Bobs-Preise ein Ende. Wir wissen schon, dass Generation Y beim Sonderpreis „Reporter ohne Grenzen Award“ an erster Stelle der Publikumsabstimmung steht, aber noch heißt es, das Votum der Jury abzuwarten. Was auch immer geschieht, wir werden es feiern, man braucht nämlich nicht besonders viele Gründe, um eine Flasche Rum aufzumachen und den Bereich der Kommentare mit ein paar Millilitern davon zu beträufeln. Das wäre ein guter Augenblick für einen Waffenstillstand zwischen den Trollen und den regelmäßigen Lesern, zwischen den elektronischen Eingreifbrigaden und denen, die wirklich kommen, um zu diskutieren.

Stellt schon mal die Stühle vor den Bildschirm, denn wir werden die Feier genau von dort aus übertragen. Haltet schon mal ein Tütchen Erdnüsse und die gezuckerte Kokosnuss bereit, um keine Sekunde zu verpassen, wenn die Preise der Jury bekannt gegeben werden. Die, die schon keine Fingernägel mehr haben, bitte ich, sich nicht noch die Finger abzukauen, denn wir werden in den nächsten Tagen viel tippen müssen.

Bevor der Jubel losgeht, möchte ich allen Gewinnern gratulieren, Bürgern, die – wie ich – ihre Tagebücher benutzt haben, um ihr Leben zu erzählen und Fragen aufzuwerfen. Ohne die Unterstützung dieser weltweiten Bloggergemeinde und ohne den Schutz, den ich genieße, weil ich zu ihr gehöre, hätten sie mir schon lange das „Geschlossen“-Schild angehängt. Nach dem, was bereits bei den Abstimmungen für „The Bobs“ erreicht wurde, gibt es niemanden, der diesen vorletzten Buchstaben des Alphabets noch stoppen kann.

Danke an alle, die abgestimmt haben!

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Sehnsucht nach Wahlmöglichkeiten

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Seit Wochen verfolgen uns Begriffe wie „Wahlurne“, „Stimmen“ und „Kandidaten“ überall hin. Zuerst waren es die Wahlen in den Vereinigten Staaten, und jetzt ist das Thema durch das Geschehen vom Sonntag in Venezuela wieder aufgekommen. Als ob sich zum Jahresende alles verschworen hätte, um uns an unsere Lage als Nicht-Wähler zu erinnern, unsere kärgliche Übung darin, zu entscheiden, wer uns führen soll.

Man gewöhnt sich daran, nicht auswählen zu können, was man sich zu Munde führt, unter welchem Credo man seine Kinder erzieht oder wem man die Tür öffnet. Aber diese Resignation explodiert, wenn man Andere wählen sieht. Daher kommt mein Aufbegehren in diesen Tagen, die Lust, einen Stimmzettel zusammenzufalten, ihn durch den Schlitz zu werfen und zu wissen, dass mit ihm mein Schrei auf den Weg geht, ein unüberhörbarer Aufschrei, der fordert: „Wahlmöglichkeiten!“

• Bis zum 27. November wird jeder Blogeintrag eine Erinnerung an die Online-Abstimmung für die Auszeichnung „The Bobs“ enthalten. Denkt daran, dass Generation Y in drei verschiedenen Kategorien am Wettbewerb teilnimmt: „Best Weblog“ (weltweit), „Best Weblog/Spanisch“ und dem Sonderpreis „Reporter ohne Grenzen Award“. Hier ist der Link:

    THE BOBs

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Gegen das Vergessen

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An diesem Samstagmittag befanden wir uns auf der Landstraße in Richtung Pinar del Río. Das Gras am Straßenrand ist wieder gewachsen, aber die entblätterten Palmen erinnern daran, dass das Desaster vor gerade mal zwei Monaten geschehen ist. Das Leben verläuft langsamer, so als hätten Ike und Gustav den Eindruck vom 19. Jahrhundert, den diese ländliche Region ohnehin schon hatte, noch weiter verstärkt. Wenn nicht hier mal ein alter Traktor stünde und dort ein Strommast, könnte man meinen, man befände sich auf einer Reise über zwei Jahrhunderte in der Zeit- rückwärts. Manche Häuser haben neue Dächer aus Asbestzement, die Nahrung für die Winde des nächsten Hurrikans sein werden.

Zwei Rucksäcke voll mit Medikamenten und Kleidung, die wir unter Freunden gesammelt haben, stellen sich als sehr begrenzt heraus angesichts der ganzen Not, der wir begegnen. Die Lebensmittel sind knapp, vor allem – welche Ironie! – solche, die aus der Ackerfurche kommen. Sogar die Kinder, die Gurkenstücke normalerweise von ihrem Teller wegnehmen, vermissen den besonderen Geschmack dieses Gemüses. Die Erde braucht lange, bis ihre Wunden vernarben. Der selbstständige Kleinbauer steht unter immer stärkeren Druck, seine Ernte an den Staat zu verkaufen und nicht auf freien Märkten, wo er mehr verdienen könnte. Daraus erwachsen Desinteresse an der Produktion und leere Regale in den staatlichen Verkaufsstellen. Wieder einmal, so wie in den widrigen neunziger Jahren, ist es nötig, täglich die Stadt zu verlassen, um etwas Yucca, Zwiebeln oder ein Stück Schweinefleisch zu kaufen.

Zwischen Havanna und Pinar del Río werden an zwei Kontrollstellen der Polizei willkürlich Autos rausgewunken, um sicherzustellen, dass niemand Milch, Käse oder andere Lebensmittel schmuggelt. In Anlehnung an die hoch entwickelten medizinischen Apparate, mit denen man das Innere des menschlichen Körpers betrachtet, haben die Leute diese Durchsuchungen „Computertomograph“*  getauft. An den weniger überwachten Straßenabschnitten stellen illegale Verkäufer ihre Waren aus und verstecken sich, sobald ein Auto mit amtlichem Nummernschild** vorbeifährt.

Obwohl die Katastrophe für die Medien eine Nachricht ist, die langsam verschwindet, im Leben der Geschädigten ist sie die Schlagzeile eines jeden Tages. Man muss verhindern, dass diese Situation dem Vergessen anheim fällt, dass der Triumphalismus uns glauben macht, alles sei schon vorüber, dass die Lawine an positiven Reportagen uns über die Schwere der Katastrophe täuscht. Ich erinnere alle daran, dass man in die betroffenen Gegenden gehen muss, die Hilfen unmittelbar übergeben und sich die Geschichten der Menschen vor Ort anhören. Die Sturmwinde blasen weiter im Leben dieser Menschen und sie werden nicht schwächer, nur weil wir uns die Ohren zuhalten.

Anmerkung der ÜbersetzerInnen:

*) Spanisch: „Somatón“ – gemeint ist die Computertomographie (CT)
**) Privatwagen, solche aus Ministerien, Diplomatenfahrzeuge, Militärfahrzeuge usw. haben jeweils Kennzeichen in unterschiedlichen Farben

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• Bis zum 27. November wird jeder Blogeintrag eine Erinnerung an die Online-Abstimmung für die Auszeichnung „The Bobs“ enthalten. Denkt daran, dass Generation Y in drei verschiedenen Kategorien am Wettbewerb teilnimmt: „Best Weblog“ (weltweit), „Best Weblog/Spanisch“ und dem Sonderpreis „Reporter ohne Grenzen Award“. Hier ist der Link:

    THE BOBs

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Klein und abseits

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Text auf dem Foto: Wir arbeiten… und du?

In der vergangenen Woche sprachen wir von den Ameisen, von Personen und winzigen Traditionen, die von Tag zu Tag überleben. Also, nur wenige Meter von meinem Haus entfernt, habe ich diese Propagandatafel gesehen, mit derselben Metapher über Insekten. Im Unterschied zu dem von mir vorgestellten Ameisenstaat – wo alle ihren Platz haben – gibt es hier ein abseits stehendes Geschöpf. Mich erschreckt es zu vermuten, dass die kleine abseits stehende Ameise den Intellektuellen repräsentieren könnte, oder Personen – wie mich – die informelle Arbeiter sind, weil es keine Arbeitslizenzen für Spanischlehrer oder andere ehrbare Berufe gibt. Die abgesonderte Kleine könnte auf diejenigen hindeuten, die Rücküberweisungen von im Ausland lebenden Kubanern* erhalten und keinen Sinn darin sehen, für einen eher symbolischen als brauchbaren Lohn zu arbeiten. Auf der linken Seite, unter dem Poster, könnte die Frau zu sehen sein, die an der Ecke meines Hauses Kaffee verkauft. Sie steht um 5 Uhr auf, um den Kaffee vorzubereiten und spielt dann ein Versteckspiel mit der Polizei; der Jugendliche, der die Ausbildung schmiss und Schuhe näht in der Werkstatt seines Bruders, doch in den Augen des Chefs vom Polizeiabschnitt ein Drückeberger ist; der Außenseiter, dem sie eine seiner Qualifikation angemessene Arbeit verweigern, weil er nicht politisch korrekt ist. Viele von uns könnten die kleine Ameise sein, die keine Blätter in ihren Händen hält… denn die anderen sind nicht nur Arbeiterinnen, sondern Arbeiterinnen mit Genehmigung, also die Gruppe derer, die nicht aus der Reihe tanzen.

Anmerkung der ÜbersetzerInnen:

* Der spanische Begriff hierfür ist “remesas”.

•    Bis zum 27. November wird jeder Blogeintrag eine Erinnerung an die Online-Abstimmung für die Auszeichnung „The Bobs“ enthalten. Denkt daran, dass Generation Y in drei verschiedenen Kategorien am Wettbewerb teilnimmt: „Best Weblog“ (weltweit), „Best Weblog/Spanisch“ und dem Sonderpreis „Reporter ohne Grenzen Award“. Hier ist der Link:

    THE BOBs

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Ehe ohne Erbe

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Text auf dem Foto: Offizieller Yoruba-Bereich

Zwei meiner Freunde heirateten in den Neunziger Jahren, um die Hochzeitstorte und das Bier kaufen zu können, die dann auf Libreta-Bezugsscheine des rationierten Marktes ausgegeben wurden. Die beiden waren kein Paar und haben nie mehr als eine Umarmung miteinander ausgetauscht, doch der Weiterverkauf der zuckersüßen Torte brachte ihnen genug Geld ein, dass beide, jeder für sich, davon ein paar Monate leben konnte. So wie diese beiden, unterschrieben viele Leute die Hochzeitsurkunde, in Erwartung der heiß ersehnten Produkte und der drei Hotelübernachtungen der Hochzeitsreise, für die auf dem Schwarzmarkt sehr gute Preise gezahlt wurden.

Angesichts dieser Erfahrungen aus meinem Umfeld, fällt es mir schwer, Eheschließungen noch ernst zu nehmen. Ich lebe seit Ewigkeiten in einer unehelichen Partnerschaft, ohne irgendwelche Papiere. Viele meiner Bekannten leben ebenfalls in Partnerschaften zusammen, ohne deswegen je ein Notariat betreten zu haben oder sich ihre Partnerschaft bescheinigen lassen zu haben. Dabei handelt es sich nicht einfach um einen postmodernen oder pietätlosen Trend, sondern um den Verlust des Sinns, eine Ehe zu formalisieren. Einer der Gründe für dieses Verschwinden ist das Fehlen von Familienbesitz, der mit der Unterschrift unter einen Vertrag zu schützen wäre. Welchen Unterschied kann es machen, ob ein Kind Eltern hat, die legalisiert oder nicht legalisiert zusammen leben, wenn diese weder Güter besitzen, die ihm vererben könnten, noch Grundbesitz, der vom Gesetz anerkannt werden müsste.

Wir, die wir heute noch keine vierzig Jahre alt sind, laufen in Liebesbeziehungen ein und bringen und unsere größte Mitgift ist das, was sich unter unserer Haut befindet. Und wenn das Ende der Idylle gekommen ist, passen die Besitztümer – meistens – in einen Koffer. Mit einem Liebesnest, das sich in der Wohnung der Eltern befindet und einem Lohn, der nicht ausreicht, um langlebige oder vererbbare Güter zu erwerben, sind das unterschriebene Papier und der offizielle Stempel, die eine Eheschließung bezeugen, nur noch wenig wert.

• Bis zum 27. November wird jeder Blogeintrag eine Erinnerung an die Online-Abstimmung für die Auszeichnung „The Bobs“ enthalten. Denkt daran, dass Generation Y in drei verschiedenen Kategorien am Wettbewerb teilnimmt: „Best Weblog“ (weltweit), „Best Weblog/Spanisch“ und dem Sonderpreis „Reporter ohne Grenzen Award“. Hier ist der Link:

    THE BOBs

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Winterliches Havanna

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Der Himmel hier hat nicht immer dieses ziemlich kitschige Postkartenblau. Zum Glück, denn ich kann mir ein ganzes Jahr unter der sengenden Sonne, ohne diese Wochen der Unterbrechung, die durch Kaltfronten entstehen, gar nicht vorstellen. Seit dem Montag haben wir eine solche, die Londonder Wolken nach Havanna brachte und schlimme Überschwemmungen im Osten des Landes. Die Straßen sind auffallend leer in der Nacht, denn die Kälte verschreckt die üblichen „Mieter“ von Parks und Bürgersteigen. In einen überfüllten Bus einzusteigen, ist nicht mehr der schnellste Weg, um nach Achselschweiß zu riechen, sondern der Eintritt in einen angenehm warmen und behaglichen Raum.

Mit dem Fall der Temperaturen nehmen der Humor und die Toleranz zu; den Älteren schmerzen die Knochen und ein warmer Kakao ist zu einer häufig wiederkehrenden Halluzination geworden. Der Dezember ist so nah, dass es sich nicht lohnt, noch irgendetwas anzufangen, sagen jene, die schon das ganze Jahr über ihre Projekte nach hinten verschoben haben. Jetzt kommt die Zeit, in der mehr Geld ausgegeben wird, orakeln die Geldbörsen, die zu dieser Weihnachtszeit besonders leer sein werden. Allerdings, das sensibelste Thema sind gerade Mäntel und Wolldecken und der nur dürftige Schutz vor der feuchten Kälte, die durch die Fensterspalten dringt.

Ich sehe die Leute mit Pullovern in der Straße, mit dicken, wattierten synthetischen Mänteln, aber kein einziges dieser Kleidungsstücke kann mit dem Lohn gekauft worden sein, den sie für ihre Arbeit erhalten haben. Jenes aus Rindsleder schickte eine Schwester, die in New York lebt, und das mit den Streifen, was das Mädchen trägt, wurde ihr von einem Touristen geschenkt, der auf Durchreise in der Stadt war. Ein Kleinkind trägt ein undurchlässiges Erbstück seines Bruders, das dieser wiederum von einem Onkel erhalten hat, der beim Zoll Koffer beschlagnahmt. Das alte Mütterchen, das die Straße überquert, achtet dabei auf ihre Wollsocken, die sie von einer Nachbarin im Tausch gegen ein Messer für den elektrischen Saftmixer erhalten hat. Nur der Portier des Hotels zeigt sich in einer Jeansjacke mit glänzenden neuen Knöpfen.

Ich mag den Winter und die Umgänglichkeit, die er bei den Leuten auslöst, doch ich weiß, dass es für viele die Zeit von Unannehmlichkeiten und Beschämung ist. Auf der Parkbank nicht übernachten zu können, wo der ältere Mann mit der abgewetzten Kleidung seinen einzigen Schlafplatz hat. Die Hänseleien der Schulkinder über diejenigen, die einen Mantel aus den Achtziger Jahren tragen, der auf dem rationierten Markt gekauft worden ist. Die Kälte betont den Unterschied zwischen denen, die hinter sich die Tür schließen können, und denen, die kein Haus mit Kippfenstern haben. Sie unterstreicht den Kontrast zwischen jenen, die ein langärmeliges Kleidungsstück tragen, und jenen, die zwei dünne Pullover übereinander ziehen, weil sie keinen Mantel besitzen. Alle sind abhängig vom Thermometer und davon, dass es nicht unter zehn Grad anzeigt, denn die Armut an Wohnraum und Garderobe überstünden nicht eine einzige Schneeflocke.

•  Bis zum 27. November wird jeder Blogeintrag eine Erinnerung an die Online-Abstimmung für die Auszeichnung The Bobs enthalten. Denkt daran, dass Generation Y in drei verschiedenen Kategorien am Wettbewerb teilnimmt: „Best Weblog“ (weltweit), „Best Weblog/Spanisch“ und beim Sonderpreis “Reporter ohne Grenzen Award”. Hier ist der Link:

    THE BOBs

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Ich bin es nicht

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Mir nähert sich ein junger Mann um zu fragen, ob ich „Yoani“ sei. Er streckt mir eine kalte und verschwitzte Hand entgegen. Ich habe Angst, dass er gekommen ist, um mir die erste Ohrfeige zu verpassen, aber er bringt nur heraus: „Hoffentlich bist du echt. Wir haben schon alles Mögliche gesehen“. Ich möchte ihm am liebsten hinterherlaufen und meinen Bauchnabel zeigen. Es gibt keinen besseren Beweis, dass jemand existiert und „echt“ ist, als einen an den Bauch angeknoteten Nabel. Er geht und bei mir bleibt das ganze Gewicht seines Zweifels und seines Vertrauens – Letzteres erschreckt mich am meisten. Mir bleibt keine Zeit, um ihn darauf hinzuweisen, dass ich gar nicht die Absicht habe irgendeine Glaubensrichtung zu begründen, weswegen seine Zweifel mich eher entlasten als seine mögliche Überzeugung.

Wenn der Junge mit der kalten Hand und den kurzen Sätzen diesen Blogeintrag lesen würde, würde ich ihn darauf hinweisen, dass ich ihn nicht erlösen kann. Ich bin nicht diejenige, an die man die Verantwortung übertragen kann, die wir alle gemeinsam übernehmen sollten. Auch ich habe viel gesehen… Leute, die Beifall klatschen und anschließend denunzieren; Hände, die auf anerkennend auf Schultern klopfen und schließlich einen Stoß austeilen; Hochrufe, die sich in hasserfülltes Gemurmel verwandeln… Jedoch, ich muss nicht wissen, wer er ist, um mir sicher zu sein, dass wir Zweifel, Träume und Schuld miteinander teilen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger