Rückkehr zur Normalität

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Die Bestandsaufnahme nach der Katastrophe ist beendet und unsere Nachrichtensendungen scheinen in eine rosafarbene Phase eingetreten zu sein, in der lediglich Raum für Erzählungen von Wiederaufbau und Optimismus ist. Die Meinungen und die Gesichter, die im Fernsehen gezeigt werden, sind sorgsam ausgewählt: Es werden nur diejenigen gezeigt, die etwas Ermutigendes zu sagen haben. Die Phrase der „Rückkehr zur Normalität“ wird von den Parteioberen wiederholt, von den Fahrern der mit Dachziegeln beladenen Lastwägen und sogar von den Geschädigten selbst. Man versucht um jeden Preis, das „jetzt“ auszulöschen, um zu einem „vor“ den Wirbelstürmen zurückzukehren.

Sicher ist jedoch, dass ich nicht glaube, dass wir einen Monat zuvor etwas gehabt hätten, das einer „Normalität“ ähnlich gewesen wäre. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass ich in den drei Jahrzehnten, die ich bereits auf dem Buckel habe, nie irgendetwas anderes als das Anormale erlebt habe. Diejenigen, die dieses Wort benutzen, würde ich gern einmal fragen, ob sie glauben, dass die Spezialperiode* normal sei, die Angst vor dem Notstandsplan „Opción cero“**, die nicht enden wollenden Reden***, die Schlacht der Ideen****, die Agitationsversammlungen gegen Andersdenkende*****, meine Freunde, die ein Floß ausrüsten, um sich damit aufs Meer zu begeben, das „ja, es gibt was, aber du bist noch nicht an der Reihe“ bzw. „du bist jetzt dran, aber es gibt nichts“, die ständigen Warteschlangen, die Versprechen von Veränderungen, die nicht konkretisiert werden, die brachliegenden landwirtschaftlichen Nutzflächen, die Idee eines belagerten Ortes, wo das Vertreten einer anderen Meinung mit Verrat gleichgesetzt wird, das Sprechen mit gesenkter Stimme, die Paranoia, dass jeder vom Staatssicherheitsdienst sein könnte, die Reisebeschränkungen, die Priviligien von einigen Wenigen, die zwei Währungen, die Indoktrination in den Schulen, das Fehlen von Zukunftschancen, die Werbebanner mit Parolen, an die niemand glaubt, und das Abwarten, das Harren, die Träume, dass eines Tages alles in einem Punkt zusammenlaufen könnte, der einer „Normalität“ nahe kommt.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Der Notstand, den Fidel Castro 1990 nach dem Zusammenbruch des Ostblocks verkündete. Die „Período especial en tiempos de paz“ (dt.: „Sonderperiode in Friedenszeiten“) ist bis heute offiziell nicht aufgehoben.
** Wörtlich etwa: Nullösung. Notstandsplan der kubanischen Regierung für den Fall, dass der Bedarf der Bevölkerung durch Importe nicht mehr gedeckt werden kann.
*** Eine Anspielung auf die bis zu sieben Stunden langen Reden von Fidel Castro.
**** Wörtlich: Schlacht der Ideen. Unter Beteiligung mobilisierter Massen entwickelte Programme im Bereich der Bildung und Kultur, mit denen der Bedrohung durch den Kapitalismus die Verbesserung der Lebensverhältnisse im Sozialismus und die Ausbildung des Bewusstseins entgegengestellt werden sollen.
***** Gemeint sind die in den staatlichen Medien als “spontan” bezeichneten Menschenansammlungen, die DissidentInnen und Andersdenkende in der Öffentlichkeit beschimpfen, beleidigen bzw. regierungstreue Parolen skandieren.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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