Lindoro Unfähig

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Eine Person mit dickem Nacken und der Arbeitsmappe in der Hand tritt jeden Mittwoch im humoristischen Programm „Deja que yo te cuente“* auf. Das ist die gleiche Sendung, in der auch Professor Mente Pollo** – der bereits in diesem Blog beschrieben wurde – seine Binsenweisheiten eines klugen Dilettanten loslässt. Lindoro Unfähig*** ist der Direktor eines ineffizient wirtschaftenden Unternehmens und verfügt über ein Auto mit staatlichem Nummernschild, das er aber niemals zugunsten der Arbeiter nutzt. Tadellos gekleidet, nähert er sich seinen Untergebenen und rät ihnen mit Ironie: „Mir gefallen Gefälligkeiten“. Seine überzähligen Pfunde und sein eleganter dunkelblauer Anzug kontrastieren mit dem schlampigen Erscheinungsbild und der Unproduktivität der ganzen Reparaturwerkstatt „Bartolete Pérez“.

Dieser Prototyp eines Chefs trägt immer wieder eine Redensart vor, die es geschafft hat, sich ins Vokabular der Umgangssprache einzuschleichen. Es ist ausgerechnete das Attribut, mit dem er sich auf die von ihm geleitete, ineffiziente, lethargische und schlecht bezahlte Gruppe von Technikern bezieht, die elektrische Haushaltsgeräte reparieren. Mit einem Lächeln wie aus der Zahnpastawerbung kommt er daher und fragt die Gruppe: „Wie geht es diesem unerschütterlichen Kollektiv?“, während er gleichzeitig eine äußerst dringend zu erledigende Aufgabe oder einen neuen bürokratischen Irrsinn bekannt gibt. Lindoro Unfähig ist keine Karikatur eines bestimmten Direktors, sondern die Summe aus vielen von ihnen: das in humoristischen Farben gezeichnete Abbild von jenen, die etwas zu bestimmen haben.

Die letzten Tage erinnerten mich häufig an den dicklichen Direktor der Firma und seine siegesgewisse Sprache. Während mich eine Grippe ereilt hatte, hervorgerufen durch den Regen, der durch die Fenster in meine Wohnung eindrang, hörte ich auf meinem kleinen, dynamobetriebenen Radio vielen Lindoro Unfähigs zu. Sie sprachen ausgerechnet von einem „unerschütterlichen Kollektiv“, wo ich nur hoffnungslose Gesichter sehe. Sie riefen, mit ihren dicken Hälsen und aus ihren trockenen Autos heraus, zu Ruhe und Beharrlichkeit auf. Manche – diejenigen mit der meisten Macht – ohne sich überhaupt in die Katastrophengebiete zu begeben. Telefonisch versuchten sie ebenso leere und vage Versprechungen zu machen wie die dieser satirischen Figur.

Unsere Lindoro Unfähigs wollen nicht erkennen, dass die Notlage, die durch die Wirbelstürme Gustav und Ike entstanden ist, nicht nur den starken Winden und den Regenfällen, sondern auch dem produktiven Desaster und dem katastrophalen Habitus  geschuldet sind, die diese Insel bereits vorher fortgerissen haben. Heute Morgen, nach zweistündigem Schlangestehen, konnte ich dann zwei Pfund Süßkartoffeln und ein Stück Papaya kaufen, ohne dass ich in der Schlange irgendeinen Direktor gesehen hätte. Für Schweinefleisch muss man sich im Morgengrauen erst einmal einen Termin ergattern. In den Geschäften, in denen mit Pesos Convertibles bezahlt werden muss, stinken die leeren Kühltruhen wegen der Hühner und des anderen Fleisches, die zuvor darin verdorben waren. Die Versorgung mit Lebensmitteln befindet sich an einem kritischen Tiefpunkt und obwohl mein Wohnhaus die Winde überstanden hat und es in meinem Wohngebiet keine schweren Schäden gibt, fragen die Leute unentwegt nach Essen. Der Preisanstieg für Benzin hat dazu geführt, dass die privaten Taxifahrer ihre Preise verdoppelten. Für eine Strecke, die vorher zehn Peso kostete, sollen wir jetzt 20 Peso bezahlen. Doch das Fernsehen sieht diese Seite der Krise nicht, sondern ein energiegeladenes und „unerschütterliches“ Volk, das in Gegenwart der Kameras Stellungnahmen voller Zuversicht und Hoffnung abgibt.

Was werden die Lindoro Unfähigs tun, wenn die Parolen, die heute den Journalisten zugerufen werden, sich in Unmutsäußerungen und Protest verwandeln? Werden sie sich – mit einer heimlichen Essensreserve – ins Innere ihrer Arbeitsmappe verkriechen?

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Zu deutsch etwa: Lass mich dir erzählen
** Zu deutsch etwa: Spatzenhirn (vgl. verlinkten Blogeintrag im Text)
*** Im Original: Lindoro Incapaz

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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Ein Gedanke zu “Lindoro Unfähig

  1. Seien wir ehrlich , diese Typen gibt es leider nicht nur bei Euch in diesem Falle habt ihr nicht die Exklusivitaet!!Ueberall in der Welt wenn diese Leute in einer Regierung ganz egal welche Ideologie es auch sei , dabei sind. dann kommen die Pannen aber es passiert ihnen weiter garnichts sondern im schlimmsten Falle gehen sie in die gutbezahlte Pension.Das passiert aber auch oefters in der Privaten Sphaere Diese Typen haben eine besondere Faehigkeit sich anzupassen und Sympathie oder Mitgefuehle zu erwecken .Das passiert eben wenn keine Kontrollen existieren und Mist gebaut wird.Es waere manches darueber zu ersaehlen.Chao!!

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