Stille über dem Atlantik

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Der Chefmeteorologe des kubanischen Fernsehens, José Rubiera, gab bekannt, dass sich über dem Atlantik kein weiterer tropischer Sturm bzw. Hurrikan gebildet habe. Erleichterung machte sich auf den mehr als 110.000 Quadratkilometern dieser Insel breit. Wenigstens für ein paar Tage wird dieser Umschlagplatz für Wirbelstürme, zu dem wir geworden sind, geschlossen haben. Diese Nachricht zum Klima hat jedoch die Sorgen und die Beunruhigung über unsere unmittelbare Zukunft nicht weggeblasen. Ungeachtet der schönfärberischen Berichterstattung im Staatsfernsehen, wo von einem „Wirbelsturm des Wiederaufbaus“ die Rede ist, sind wir Kubaner sehr besorgt.

All die Hoffnungen derer, die einen wirtschaftlichen Aufschwung in den kommenden Monaten erwartet hatten, haben sich in Luft aufgelöst. Einschließlich dessen, dass wir sogar von einigen Produkten Abschied nehmen müssen, bei denen es Jahre dauern wird, bis sie wieder zum jetzigen – bereits erhöhten – Preis zu haben sein werden. Dazu gehören Bananen, Mangos, Avocados, die Wurzel-* und die Zitrusfrüchte. Nach vier Tagen ohne Strom und ohne Wasserlieferung erwarteten wir Nachbarn aus den 144 Wohnungen im Gebäude eine Gratislieferung Wasser und die subventionierte Verteilung von Fertigessen. Einige schrien bereits ihren Unmut von den Balkonen herunter, worauf ich mit einem provozierenden „Es lebe Raúl!“ antwortete, woraufhin ich beinahe gelyncht worden wäre.

Nicht einmal der Markt in konvertiblen Pesos** mit seinen aufgeblähten Preisen kann den Bedarf der verzweifelten Bewohner Havannas decken. Der Hurrikan Ike hat die enormen sozialen Differenzen zwischen denen, die über Lebensmittelreserven, Gemüsegärten und Batterie betriebene Radios verfügen, und denen, die ausschließlich von den staatlichen Leistungen abhängig sind, noch offensichtlicher gemacht. Die Erfahrung, dass die staatliche Hilfe an frühere Opfer von Naturkatastrophen mit den ins Land gehenden Monaten langsam versiegte, bewirkt, dass die Leute jetzt keine Versprechungen wollen, sondern unverzügliches Handeln. Der Heißhunger, sich jetzt zu nehmen, was morgen vielleicht nicht mehr verfügbar sein wird, führte dazu, dass die Bewohner eines Dorfes in der Provinz Pinar del Río mit Macheten aufeinander losgegangen sind, um möglichst viele von den 100 Dachplatten aus Asbestzement zu ergattern, die von einem LKW aus verteilt wurden.

Es fehlt an Demut bei denjenigen, die alles dafür tun sollten, die humanitäre Hilfe in Kuba ankommen zu lassen. Eine Maßnahme, die sehr viel bewirken könnte, wäre, dass der staatliche Zoll die Steuern aussetzen würde, die im Ausland lebende Familienangehörige auf jedes Kilogramm Medizin, Kleidung und Nahrungsmittel zu zahlen haben, das sie auf die Insel bringen möchten. Stattdessen aber erwachen wir Kubaner inmitten eines Wirbelsturms, der durch unser Land zieht, und es gibt einen Preisanstieg bei Benzin und bei einigen Produkten der Grundversorgung. Man weist Hilfsangebote zurück, ohne die Meinung der Bevölkerung in Betracht zu ziehen und man erlaubt manchen eine Inspektion, während man anderen genau diese verweigert. Das Bild eines venezolanischen Militärs, der nach Kuba gekommen ist, um „sich ein Bild vom Ausmaß der Schäden zu machen“ – so der genaue Wortlaut – kontrastiert damit, dass man sich ziert, etwas Ähnliches bei Mitgliedsländern der Europäischen Union (mit Ausnahme von Spanien und Belgien) oder den Vereinigten Staaten zuzulassen.

Die Fragen des Augenblicks sind: „Was hat für die kubanische Regierung Priorität: die politischen Prinzipien oder das Wohlergehen derer, die alles verloren haben?“ und „Was zieht die US-Regierung vor: dass die Formalie der Schadensinspektion durchgeführt werden kann oder dass die Unterstützung die Geschädigten erreicht?“. Wir Bürger werden jedenfalls nicht warten, bis die beiden Regierungen sich geeinigt haben. Die „Diplomatie“ des Volkes könnte sie damit überraschen, schneller und viel effizienter zu agieren.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* z. B. Yucca, Malanga, Boniato u.a.
** Das Angebot in Verkaufsstellen, in denen mit dem Devisenäquivalent Pesos Convertibles gezahlt werden muss, ist durch die hohen steuerlichen Preisaufschläge von Seiten des kubanischen Staates unerschwinglich teuer. Daher gibt es dort im Normalfall immer Waren „auf Lager“, die woanders nicht zu haben sind.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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