Wenn man alles verliert

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Auf dem Fernsehbildschirm reihen sich die Bilder der katastrophalen Zustände aneinander, die Gustav im Westen des Landes geschaffen hat. Bedrückte Gesichter vor Häuserkulissen, die den Windstößen von mehr als zweihundert Kilometern pro Stunde nicht standhalten konnten. Inmitten des Wehklagens und der Sorgen haben die Journalisten des staatlichen Fernsehens es geschafft, Phrasen einzufangen wie „Die Revolution wird uns nicht im Stich lassen“ oder „Die Regierung wird unsere Häuser für uns wieder aufbauen“. Diese Parolen zeigen nicht mehr die (vor vielen Jahren verloren gegangene) Gesinnung, dass Vater Staat schon alles richten wird; eher versuchen sie die Verantwortlichen vor laufenden Kameras darauf festzunageln. Als ob sie durch das Ergreifen des Mikrofons und das Hineinschreien, dass die Regierung ihnen das Verlorene zurückgeben wird, diese dazu zwingen wollten, dass sie genau das macht.

Die Opfer von heute fordern eine schnelle Lösung, aber die Geschädigten früherer Wirbelstürme und Überschwemmungen warten auch noch. Nur eine Kombination aus institutioneller Hilfe, der Solidarität von Bürgern und Bürgerinnen sowie von Spenden aus dem Ausland würde die Not all dieser Familien lindern. Eine Kampagne für die Organisierung von Hilfsleistungen kann die kubanische Zivilgesellschaft jedoch nicht auf eigene Faust unternehmen. Es wäre illegal einen Aufruf zu verbreiten, um die den Opfern Nahestehenden anzuhalten, in die betroffenen Gegenden Kleidung schicken, Medikamente und Essen, wenn dafür nicht die offiziellen Kanäle genutzt werden. Unsere zivilgesellschaftliche Behinderung führt dazu, dass wir uns nicht einmal im Katastrophenfall spontan zusammenfinden können, um den Mitmenschen zu helfen.

In den Vereinigten Staaten wird zurzeit über eine Aussetzung der Sanktionen gegen Kuba als möglicher Weg gesprochen, um den Geschädigten zu helfen. Bedauerlicherweise ist es jedoch unter diesen verqueren Umständen nicht hinreichend, diese lediglich drei Monate lang auszusetzen. Wenn die einheimischen und die ausländischen Reporter in ihre Häuser zurückkehren und die Arbeiter der Elektrizitätswerke damit fertig sind, alle Katastrophengebieten wieder ans Stromnetz anzuschließen, dann erst wird die eigentliche Trauer über das Verlorene sich bemerkbar machen. Dann werden die Journalisten nicht mehr da sein, auf der Jagd nach Parolen. Und sie werden erst recht nicht die Klagen der Geschädigten über nicht eingelöste Versprechen hören. Doch die Unterstützung von Bürger zu Bürger, die Hilfe der Familienangehörigen aus dem Ausland und der internationalen Nichtregierungsorganisationen – diese Solidarität, die nicht auf politische Unterstützung oder Glaubensbekenntnisse aus ist – kann sie nicht enttäuschen.

• An diesem Sonntag werde ich nach Pinar del Río reisen, um den Geschädigten unmittelbar meine Hilfe anzubieten. Ich werde mich mit Personen der Zivilgesellschaft treffen und wir werden unsere Ideen über mögliche Wege, solidarische Hilfe zu leisten, austauschen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger