Vom Verschwinden des Wirbelsturms und über den „Fall Gorki“

Ich bin bereits daran gewöhnt, dass von meinem 14. Stock aus jedes Lüftchen einem Orkan der Kategorie 5 gleicht. Als ich heute aufstand, konnte ich feststellen, dass das Viertel sich am selben Platz befindet, das Mahnmal am Platz der Revolution genauso senkrecht wie gestern steht und lediglich einige Bäume in der Umgebung fehlen. Ich habe noch immer keinen Strom, doch so habe ich wenigstens eine gute Rechtfertigung dafür, mir nicht das Gesicht vor dem Bildschirm zu verbrennen.

Ich stelle nachfolgend einen Text von Claudia ein, der anderen Person, die das Transparent mit dem Namen Gorki im Konzert in der „Tribuna Antiimperalista“ gehalten hat, sowie eine kurze Chronologie – von fünf Seiten – die ich selbst über die Ereignisse zwischen Donnerstag, dem 28. August, und Freitag, dem 29. August, schrieb. Ich bedaure, mich nicht so kurz gefasst zu haben wie gewohnt. Die Situation gebietet es jedoch, an die Details zu erinnern.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Von der Paranoia zum Protestschrei

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Freitagnacht, nach der Freilassung von Gorki, als wir bereits sein Haus wieder verlassen wollten, fragte er Lía, ob sie am Strand gewesen sei. Und ja, es ist so, dass es unmöglich ist, die Geschehnisse der letzten vier Tage in nur zwei Stunden zu erzählen: Noch wusste er nicht, dass wir seit acht Uhr morgens am Gericht gewesen waren, dass die pralle Sonne uns verbrannt hatte und sich anschließend zwei Wolkenbrüche über uns ergossen hatten … und, dass wir alle dort waren: die Diplomaten, die Presse und wir (ich sage wir, weil sich einige von uns noch nicht gekannt hatten, es waren einfach nur „wir“: die, die hingegangen waren).

Ich schreibe diese Nachricht, denn ich möchte meine Erfahrung dieser Solidaritätsbezeugung von Künstlern und Nicht-Künstlern (wie mir), die wir mit ihm gehabt haben und mit uns selbst, weitergeben. Klarstellend, dass ich mich bei den Künstlern auf die bildenden Künstler, die Maler und Schriftsteller beziehe, denn von den Musikern habe nicht einen einzigen gesehen, nicht einmal einen von jenen Leuten, die doch aus dem „Underground“ des „Underground“ kommen.

Bei meinen Freunden gelte ich als Paranoikerin; ich bin die, die in Angst lebt, die die Fenster nicht öffnet, die niemals laut über Politik spricht, ich habe Angst vor der Dunkelheit, ich gehe nach zehn Uhr abends nicht einmal allein bis zur nächsten Straßenecke. Doch nie hatte ich eine solche Angst wie die, die ich seit Montag habe (noch ist sie nicht wirklich weg).

Trotzdem, Leute kennengelernt zu haben wie Yoani, sie an meiner Seite zu sehen mit dem Transparent in der Hand, nachdem wir zwei oder drei Mal telefoniert hatten, angetrieben von der Zuversicht; uns alle heute zu sehen, Gorki, Ciro, Renay und Hebert unterstützend; meine Freunde, die mit mir zusammen ernst machen – und das Hinauswachsen über unsere Ängste und Zweifel; die Freunde aus dem Ausland Himmel und Hölle in Bewegung setzen zu sehen; und gemeinsam erreicht zu haben, die Strafe von vier Jahren in vier Tage verwandelt zu haben … das scheint mir immer noch ein Wunder zu sein.

Mir tun diejenigen Leid, die mich nicht angerufen haben, die sich vor mir versteckt gehalten haben für den Fall, dass ich sie um Hilfe bitten würde, diejenigen, die „ja“ gesagt haben und nicht gekommen sind, ich bedauere, dass sie nicht das Glück dieses Ausgangs erleben konnten, das Gefühl, das Unmögliche möglich gemacht zu haben.

Ich glaube, dass der heutige Tag eine Wende darstellt vom „das geht nicht“ zu „das geht“. Wir haben gezeigt, dass die Dinge sich ändern können, dass die Ungerechtigkeiten und der Machtmissbrauch aufhören können und, dass die Angst NICHT unfehlbar ist.

Claudia Cadelo De Nevi

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Kurze Chronologie eines Sieges

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Fotos von: Claudio Fuentes Madan

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Donnerstag, vor dem Konzert
Wie wir darauf kamen zum Konzert von Pablo Milanés zu gehen, um die Freilassung von Gorki zu fordern? Das ist etwas, das den Stempel der Spontaneität trägt und die Dringlichkeit von etwas, das nicht hinausgeschoben oder besser durchdacht werden kann. Wir besprachen das kurz zwischen Ciro, Claudia und mir und entschieden sofort, es zu machen. Denn Aktionen im Übermaß zu organisieren oder vorzubereiten ist der sicherste Weg, damit „sie“ davon erfahren. Keiner von uns hielt sich damit auf, an die möglichen Konsequenzen zu denken. Denn, nur wer etwas zu verlieren hat, wägt seine Handlungen mit der gleichen Vorsicht ab, mit der eine Hausfrau die Konservendosen auf dem Markt zunächst erst einmal nur in die Hand nimmt und prüft.

Donnerstag, 28. August 19:30 Uhr
Eine Gruppe, zu der auch Ciro, Claudia, Hebert, Emilio und ich gehörten, traf sich an der Bushaltestelle bei der Eisdiele Coppelia, um sich auf den Weg in Richtung des Konzerts auf der Tribuna Antiimperialista zu machen. Bereits in diesem Moment folgten uns einige besorgte Jungs von der Politischen Polizei und das Polizeiaufgebot war beeindruckend. Es gab noch immer Tageslicht und Pablo Milanés sang, als wir am Ort des Protestes ankamen. Zu den dort Anwesenden gehörten ganz unterschiedliche Leute, viele Militärs und einige von der ausländischen Presse. Fast 40 Minuten lang warteten wir auf Verstärkung, doch schließlich entschieden wir zur Tat zu schreiten, ohne auf diejenigen zählen zu können, die in der Menschenmenge verloren gegangen waren, die nie angekommen waren oder die – sobald sie da waren – ihr Kommen bereuten. Der Plan war, zwei Transparente mit dem Namen „Gorki“ zu enthüllen und gemeinsam seinen Namen zu rufen. Das war die Art und Weise, die Musiker des Konzerts daran zu erinnern, dass wir von ihnen eine Stellungnahme zur Inhaftierung des Bandleaders von Porno para Ricardo erwarteten. (mehr…») Weiterlesen

Von Gorki zu Gustav

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Ich habe viel von dem zu erzählen, was in den letzten zwei Tagen geschehen ist. Ich weiß, dass ihr von mir Einzelheiten hören wollt über das, was bei dem Konzert am Donnerstag passiert ist, über das Transparent, die Prügel, die Verhaftungen, den unglaublichen Polizeieinsatz und unsere „aktive Wartestellung“ vor dem Bezirksgericht in Playa, die schließlich mit der Freilassung Gorkis endete. Das Gerichtsverfahren alleine gäbe Material ab für etliche Blogeinträge. Ich war dort, um mit eigenen Augen die Haltlosigkeit der Beschuldigungen gegen den Rocksänger bestätigt zu sehen. Leider erlaubt mir die Wetterlage in Havanna – wegen Gustav – nicht, aus dem Haus und von einem öffentlichen Ort aus ins Internet zu gehen. Über meiner Terrasse – vierzehn Stockwerke über der Erde – wehen bereits heftige Winde, und wir müssen anfangen, die Fenster zu verriegeln und die Pflanzen in Sicherheit zu bringen. Heute muss ich einem anderen Wirbelsturm die Stirn bieten.

Auf jeden Fall aber möchte ich vorab sagen, dass ich noch nie so viel Einigkeit und Zusammenarbeit gesehen habe wie in diesen letzten beiden Tagen zwischen der internationalen öffentlichen Meinung, den Informationsmedien und einem Teil der kubanischen Zivilgesellschaft. Gestern haben wir gezeigt, dass die Mauer verrückt werden kann, wenn wir zusammenhalten. Wir haben sie zum Nachgeben gezwungen, dazu, ein Unrecht rückgängig zu machen, und dieser Präzedenzfall ist sehr gut für uns und äußerst gefährlich für „sie“. Das Internet hat sich im Fall Kubas als möglicher virtueller Versammlungsraum erwiesen, mit dem wir unsere Kräfte bündeln können. Ich hoffe, dass auf diese Zentimeter, um die wir die Grenzen verrücken konnten, nun Meter um Meter wieder gewonnener Freiheiten folgen.

* Diesen Eintrag habe ich Freunden am Telefon diktiert, die ihn ins Netz stellen werden. Mit ihrer Hilfe konnte ich gestern von außerhalb des Gerichtsgebäudes berichten. Mein besonderer Dank gilt Ernesto Hernández Busto, der dafür sorgte, dass viele dieser Nachrichten das Licht der Seiten von penúltimos días erblickten.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Gorki

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Sie haben ihn abgeholt, denn nichts bringt die Betonköpfe mehr aus der Fassung als ein Mensch in größter Freiheit. Auf der Wache der 5. Polizeieinheit – Ecke 3ra und 62, Playa – wo sich die Delinquenten die Tür in die Hand geben und eine Toilette nichts als ein schmerzliches Trugbild ist, dort zupft Gorki die Saiten seiner Auflehnung. Er ist ein seltsamer Kerl, alle merken das, ganz besonders in einer Gesellschaft, deren Modell des „neuen Menschen“ eine neuaufgelegte Ausführung des Klassendepps ist.

Gorki vereint in sich das Anziehende, das seinen Zensoren fehlt: Er singt, wiegt sich in den Hüften und schreit in seiner aufbegehrenden Rock-Sprache das heraus, was andere nur ängstlich stammeln. Sein Zimmer hat er mit Eierkartons ausgekleidet, die andere ihm geschenkt haben; mit denen, die ihm im rationierten Markt zustanden, hätte er nicht einmal einen Schrank tapezieren können. Er ist wegen eines Deliktes angeklagt, das dem Drehbuch zum Film „Minority Report“ entsprungen sein könnte; er wird – schönfärberisch – einer „vor-kriminellen Gefährlichkeit“ bezichtigt. In die Wirklichkeit übersetzt, bedeutet das, man steckt ihn hinter Gitter, damit er nicht die bösen Streiche ausführt, die andere vorausahnen.

Im Fall von Gorki wurde die Beschuldigung zusammengebraut von einem Bezirksbeamten mit James Bond-Allüren, einer Nachbarin, der „nahegelegt“ wurde, ihn anzuzeigen, und von einer Hausgemeinschaft, die lieber nicht für die „Unbequemen“ eintritt. Am Donnerstag wird die Voruntersuchung stattfinden, und bisher konnten nur ein paar Kleidungsstücke und Waschzeug, die ihm sein Vater gebracht hatten, dorthin gelangen, wo sie ihn „verwahren“. Die Chancen sind sehr gering, dass es seinem Verteidiger gelingt, den strengen Staatsanwalt davon zu überzeugen, dass Gorkis Mähne, seine Rock-Songs und der Krach seiner Gitarre nicht gefährlicher sind als die Gleichgültigkeit, der Konformismus und die Doppelmoral, die alles überdecken.

Einzelheiten über die Verhaftung unter Porno para Ricardo*.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Seite auf Spanisch. Eine eilige Vorübersetzung dieser Seite finden Sie hier.

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Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Was ich ringsherum sehe

Eine Stadt wird nicht nur über ihre Einwohner, ihre Bauwerke oder ihre Plätze definiert, sondern auch über die Reklametafeln, Plakate und Graffiti darin. Deshalb habe ich die Plakate rings um meine Wohnung fotografiert. Ich überlasse euch hier die Fotoserie, damit ihr sehen könnt, welche Bilder und Botschaften mich umgeben.

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Auf klarem Kurs steuert die Granma* durch die Geschichte. (*Der Name der Yacht, mit der die Guerilla 1956 aus Mexiko nach Kuba übersetzte.)

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Ohne Revolution hätten wir von einer großen sportlichen Entwicklung in unserem Vaterland noch nicht einmal träumen können.

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Wir wollen uns jeden Tag der strikten Pflichterfüllung widmen.

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Jene absurde Erste Welt verbraucht drei Viertel der weltweit produzierten Energie.

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Revolution – immer!

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Wachsam und kämpferisch!

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Aus diesen Männern/Menschen* wird ein Volk gemacht. (* Beides ist möglich, Anm. d. Ü.)

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Freiheit jetzt! (Vgl. Anmerkung ** der ÜbersetzerInnen zu „Die Korruption des Überlebens“ vom 19. August 2008)

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5 Stunden (US-amerikanisches) Embargo entsprechen den Dialysegeräten, die innerhalb eines Jahres für alle Patienten unseres Landes benötigt werden.

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CDR* – keinen Moment Pause (wörtlich: ohne Waffenstillstand) (*Vgl. Anmerkung * der ÜbersetzerInnen zu „Die Korruption des Überlebens“ vom 19. August 2008)
Text auf der Machete: Stets wachsam

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Die Korruption des Überlebens

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Er ist 28 und arbeitet in der Poolbar eines Hotels, da ihm sein Stiefvater einen Job im Tourismusgewerbe gekauft hat. Sein Englisch ist katastrophal, aber dank der zweitausend Pesos Convertibles, die er dem Geschäftsführer zahlte, brauchte er den Sprachtest nicht zu machen. Mehr als die Hälfte der Rum- und Coca Cola-Flaschen, die er in der Snackbar verkauft, hat er selbst zum Einzelhandelspreis gekauft. Seine Kollegen haben ihm gezeigt, wie er seine „Ware“ vor – und zu Lasten – der Ware verkauft, die der Staat für die Touristen vorgesehen hat. Dank dieses Tricks steckt er in jeder Schicht so viel in die eigene Tasche wie ein Neurochirurg in einem ganzen Monat verdient.

Dank seiner illegalen Einkünfte kann er es sich leisten sehr viel auszugeben, weshalb er gleichzeitig darum bemüht ist, seine Pflichten zur „bedingungslosen Systemtreue“ zu erfüllen und nicht aus dem Rahmen zu fallen. Er ist einer der ersten, der dem Aufruf zu einer Kundgebung folgt oder sich an der 1. Mai-Demonstration beteiligt. Unter seinen Kleidungsstücken hat er, für „Notfälle“, ein Polohemd, das auf die „Cinco Héroes“** verweist, ein weiteres mit dem Konterfei von Che Guevara sowie ein knallrotes mit der Aufschrift „Batalla de Ideas“***. Wenn er merkt, dass sein Chef ihm verstärkt auf die Finger schaut, um ihn bei einem eventuellen Materialdiebstahl zu überraschen, dann zieht er eines dieser Hemden an und der Druck lässt nach.

Mit seinen jungen Jahren hat er bereits verstanden, dass es nicht darauf ankommt, wie oft man die Grenze zur Illegalität überschreitet, wenn man nur immer schön Beifall klatscht. Ein paar Parolen, die er auf politischen Veranstaltungen gebrüllt hat, oder der Vorfall, als er einem konterrevolutionären „Grüppchen“ entgegentrat, das hat ihm geholfen, seinen lukrativen Job zu behalten. Dieselben Hände, die heute stehlen, Kunden betrügen und staatliche Waren unterschlagen, haben damals – vor fast sechs Jahren – für eine Verfassungsänderung gestimmt, um das System für „unumkehrbar“ zu erklären. Solange er sich die Taschen vollstopfen kann, könnte der Sozialismus von ihm aus ewig andauern.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* CDR: Comité de Defensa de la Revolución. Komitee zur Verteidigung der Revolution, kubanische Massenorganisation, die sowohl soziale als auch Spitzelaufgaben übernimmt.
** Wörtlich: 5 Helden (Ramón Labañino, Antonio Guerrero, René González, Gerardo Hernández, Fernando González), auch bekannt als „The Cuban 5“, „The Miami 5“. Fünf Kubaner, die seit 1998 in den USA wegen Verschwörung zur Spionage und im Fall von Gerardo Hernández auch wegen Verschwörung zum Mord inhaftiert sind.
*** Wörtlich: Schlacht der Ideen. Unter Beteiligung mobilisierter Massen entwickelte Programme im Bereich der Bildung und Kultur, mit denen der Bedrohung durch den Kapitalismus die Verbesserung der Lebensverhältnisse im Sozialismus und die Ausbildung des Bewusstseins entgegengestellt werden sollen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger