Karneval

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Der Malecón, die Uferpromenade von Havanna, rüstet sich für den Karneval. Auf der Esplanade „La Piragua“ preisen sich etliche Verkaufszelte als internationale Speiserestaurants an, und im gesamten Küstenbereich tauchen bunte Kioske auf. Auf den Gehwegen und in den Hauseingängen sind schon die Metallgerüste zu sehen, die später als Logen benutzt werden. Währenddessen feilen die Karnevalstruppen an den Choreografien, die sie ab Freitag vorführen wollen.

Weil die Termine unserer Volksfeste andauernd verschoben wurden, sind wir jetzt ein Volk, das nicht so genau weiß, wann denn sein Karneval beginnt. Die Ankündigung, dass die Karnevalstage bald anfangen werden, trifft uns überraschend, und wir sind noch nicht einmal enttäuscht, wenn man sie ausfallen lässt. Ich erinnere mich, dass wir im Sommer 2006 auf den frisch gestrichenen Karossen sitzen blieben, da die Congas aus Havanna nicht zu dem düsteren Szenario von Fidel Castros Krankheit passten.

Zum Glück laufen dieses Jahr die Karnevalsgruppen wieder los. Wir werden weiterhin einen schizophrenen Karneval erleben: den größten Teil der Angebote für Devisen und einen kleinen Vergnügungshappen für diejenigen, die nur Pesos Cubanos ihr eigen nennen. Aufgrund von Gewalt und sozialer Ausgrenzung kommt bei unserem Rummel nicht mehr die ganze Familie zusammen. Trotz allem ist dies der richtige Moment, um Vorschriften abschütteln, den Mangel und die unerfüllten Erwartungen. Tanzen ist eine herrliche Art des Vergessens.

Es wird also gefeiert, in genau dem Küstenbereich, wo – vor vierzehn Jahren – die Bevölkerung von Havanna in einer sozialen Revolte ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verliehen hat. Wir werden rund um die Kaimauer trinken, auf der das Gewicht der improvisierten Flöße nach Norden lastete. Es wird Salsa und Reggaetón geben auf derselben Prachtstraße am Meer, auf der seit Monaten keine Demonstrationen mit Sprechchören und Fahnenschwenken mehr zu sehen waren. Auf dieser Uferpromenade, die uns schreien, auswandern und heucheln sah, werden wir – während dieser Tage – unseren Spaß haben.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Notlandung

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Für Felipe, der mir dieses Gleichnis geschenkt hat

Am kommenden Samstag, dem 26. Juli, wird Raúl Castro in Santiago de Cuba sprechen. Er wird sich live über das Fernsehen an ein Volk wenden, das sich noch erinnert an seine Ansprache von vor einem Jahr, in der er „strukturelle Veränderungen“, „ein Glas Milch für alle“ und den „Kampf gegen den Marabú-Strauch*“ anführte. Mehr als die Bekanntgabe neuer Maßnahmen zu hören, sind wir Kubaner dazu bereit zu bestätigen, wie wenig davon in diesen zwölf Monaten umgesetzt wurde.

Definitiv ist die Zeit der Versprechungen und magischen Lösungen, die uns aus der Unterentwicklung heraushelfen sollen, passé. Der politische Diskurs hat, ohne Zweifel, mit dem Landeanflug begonnen. Was jedoch nicht bedeutet, dass er eines Tages den Boden berühren wird. Ein Mann mit absoluten Vollmachten hat weiterhin das Kommando an Bord, aber niemand erklärt uns per Lautsprecherdurchsage, ob wir sicher weiterfliegen oder uns im Sturzflug befinden, ob der Wind günstig ist oder die Motoren kurz vor der Explosion stehen. Eine Stille, unterbrochen von eingeschobenen Appellen an Disziplin und Aufopferung, kommt aus den Bordlautsprechern dieser angeschlagenen IL-14.

Wir erwarten weder Pirouetten in der Luft noch Bonbons zum unter die Zunge legen, die uns helfen, die Turbulenzen der Reise zu überstehen. Wir wollen, dass der Pilot Flagge zeigt, dass man uns den Reiseplan mitteilt und wir die Route bestimmen. Dass diese Rede am Samstag sich nicht als eine weitere Lobpreisung herausstellt, nur dazu gedacht, uns noch in der Schwebe zu halten, sondern als ein genauer Bericht darüber, wie und wann wir in ein anderes Flugzeug steigen werden.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Dichrostachys cinerea: Strauch, der in Kuba eine Plage auf landwirtschaftlichen Flächen ist.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Cyber-Krüppel

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Das ganze Thema der im Internet vertretenen Zivilgesellschaft, die ihre eigenen Projekte entwickelt, bleibt für uns Kubaner eine Nummer zu groß. Weil wir in der Realität immer noch nicht zu Staatsbürgern geworden sind, fällt es uns schwer, uns im Netz wie selbige zu verhalten. In diesem Fall bringt es nichts, Etappen zu überspringen, so wie wir es mit den Videokassetten (die niemals in kubanischen Läden verkauft wurden), den Bandaufnahmegeräten und praktisch auch mit den 5¼-Zoll-Floppies getan haben, sondern wir werden einen Kurs in zivilbürgerlichem Verhalten absolvieren müssen, und zwar vorher – und in der Realität.

Mal schauen, ob ich schaffe, die verquere Logik unseres virtuellen Raumes zu verstehen: „Kubanische Staatsbürger haben nicht die Möglichkeit, eine eigene Domain zu kaufen und sie bei einem lokalen Server zu unterhalten, aber sie werden angeklagt, wenn es ihnen gelingt, eine Seite in einem anderen Land zu hosten“; „die offiziellen Blogger spiegeln die Realität wider, aber wir, die Alternativen, sind Marionetten irgendeiner ausländischen Macht …“; „Internet ist ein Terrain für eine so genannte Schlacht der Ideen, von der niemand wenigstens ein Prinzip aufzählen kann, dass nicht die Intoleranz ist …“; und trotz der Verkrüpplungen in unserer Gesellschaft und trotz vieler fehlender Teile haben wir das Internet letztendlich doch noch betreten.

Wenn es so weiter geht, wird im Netz genau das passieren, was bereits in unseren Straßen zu beobachten ist: Menschen, die zunächst – und insbesondere vor Kameras und Mikrofonen – einen Enthusiasmus und eine ideologische Loyalität zur Schau stellen, die nur „Schall und Rauch“ sind. Daher geben wir uns im Internet folkloristisch und ökologisch; wir tummeln uns bei den Arbeitsangeboten oder den Anzeigen und laden auch mal Gratis-Musik herunter, doch Vorsicht mit dem Aussprechen von Meinungen. Im WWW muss man dieselben Masken tragen, die wir uns in unserem Leben überstreifen. Das mit den Cyberrechten wird wohl warten müssen. Mal sehen, ob wir uns nicht eines Tages anschicken, wenigstens Staatsbürger zu werden.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Von der angeblichen Unentgeltlichkeit und anderen Selbsttäuschungen

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Ich möchte mir Augentropfen besorgen, weil mein rechtes Auge seit ein paar Tagen gereizt ist. In den zwei Stunden Wartezeit beim Hausarzt erfahre ich alle Gerüchte aus meinem Wohnviertel, aus dem Mund der Nachbarinnen, die mal eben in der Praxis „vorbeigehen“. Die Ärztin klagt, dass sie überlastet sei, weil ein Teil ihrer Kollegen nach Venezuela entsandt wurde, und stellt mir eine Überweisung aus, während sie eine Pizza für sechs Pesos herunterschlingt.

Im Polyklinikum sieht die Situation ähnlich aus, aber aus Sorge um mein Auge gebe ich mich fügsam und warte, bis ich drankomme. Ein Herr mit einer vorsintflutlichen Brille klärt mich darüber auf, dass er schon seit sechs Uhr morgens in der Schlange steht ,und daraus schließe ich, dass ich während meiner Wartezeit in Ruhe einen ganzen Roman lesen kann. Leicht boshaft – ohne, dass ich auch nur den Mund aufgemacht hätte – gibt mir eine alte Frau zu verstehen: „Das ist so, weil es gratis ist – müsste man dafür bezahlen, würde hier ein anderer Wind wehen“.

Ihr Ausspruch überrascht mich nicht, solche Sätze hört man schließlich immer öfter und überall. Die eigenartige Anschauung dieser Dame davon, was „gratis“ bedeutet, gibt mir jedoch zu denken. Während sie das so sagt, stelle ich mir Aladins Wunderlampe vor, die es, von elf Millionen Kubanern gerieben, fertig gebracht hat, uns mit diesen Krankenhäusern, Schulen und den anderen angepriesenen „Zuwendungen“ zu versorgen. Aber das Trugbild des Geistes aus der Flasche mit seinen drei Wünschen hält nicht lange an, mir wird schlagartig klar, dass wir für all das tagtäglich einen hohen Preis zahlen

Das Geld stammt nicht – wie die Dame glaubt – aus den gütigen Taschen derer, die uns regieren, sondern von den hohen Steuern, die sie uns abnehmen für jeden Artikel, den wir in den Devisenläden kaufen, von den überhöhten Gebühren, die uns für Migrationsangelegenheiten auferlegt werden, von dem beschämenden Abschlag für den Umtausch von Fremdwährungen auf der Insel und von den Hungerlöhnen, die der arbeitenden Bevölkerung gezahlt werden. Wir selbst bezahlen diese Dienste, über die wir uns – welch’ Ironie! – noch nicht einmal beschweren können.

Mehr noch, wir zahlen auch den riesigen Militärapparat, der durch seinen Kriegswahn einen großen Teil des Staatshaushalts verschlingt. Aus unseren löchrigen Geldbörsen entspringen die politischen Kampagnen, die Solidaritätsmärsche und die übertriebene Geltungssucht, die sich unsere Regierung in der ganzen Welt zur Schau zu stellen erlaubt. Wir selbst bezahlen unsere eigenen Maulkörbe, die Abhörmikrophone, die Informanten, die uns ausspionieren, und sogar die unangefochtene Knauserigkeit unserer Parlamentarier.

Von „Unentgeltlichkeit“ kann also keine Rede sein. Tagtäglich zahlen wir einen hohen Preis für all diese Dinge. Nicht nur in Form von Geld, Zeit und Energie, sondern auch in Form von Freiheiten. Wir selbst zahlen den Käfig, das Vogelfutter und die Scheren, die uns die Flügel stutzen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Schmuddelecken

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Der Boulevard von Havanna ist an diesem Mittwochabend die Szenerie für ein Elternpaar mit Kind, das unterwegs ist, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. Es ist erst neun Uhr abends, aber dem Ambiente nach könnte es auch drei Uhr morgens sein. Der an jeder Ecke klebende Uringeruch erinnert unvermittelt an die Gewohnheitstrinker, die heute bereits früh angefangen haben, und auch daran, dass öffentliche Toiletten immer noch nicht mehr sind als ein frommer Wunsch. Wegen der zahlreichen Prostituierten legt die Mutter einen Schritt zu, aber der Junge bekommt trotzdem noch das eindeutige Angebot mit, das ein Zuhälter und seine „Braut“ einem Touristen machen.

Dieser Weg ist eine schlechte Wahl. Besser wär’s wohl gewesen, wenn sie den Bus nach Miramar genommen und dann auf der 5ta Avenida spazieren gegangen wären oder sie einfach die Abendkühle daheim auf dem Balkon genossen hätten. Sie wollen eigentlich zum Parque Central, aber außerhalb des Lichtkreises um das Martí-Denkmal erstreckt sich ein Halbschatten, der für Liebesabenteuer wie gemacht ist. Darüber regt sich niemand mehr auf, denn seit vielen Jahren gibt es hier in der Stadt keine Unterkünfte (Motels) mehr, wo Paare hingehen könnten. Sex auf der Parkbank gehört zum Liebesleben derer, die kein eigenes Zimmer haben.

Die Polizei bildet einen festen Bestandteil dieser schäbigen Nachtlandschaft, und die Eltern bereuen schon, mit ihrem Jungen diese Gegend durchqueren zu wollen, diesen Grenzbereich zwischen Centro Habana und dem historischen Stadtkern. Jede Luxusräumlichkeit – wie die Lobbies der Hotels Telégrafo, Saratoga, Plaza und Parque Central – hat ihr Gegenstück in den dunklen Straßen, die sie umgeben. Auf ein paar Zentimeter Glamour kommen stets etliche Meter bedrückender materieller Not.

Der Junge hat aber nur Augen für den dampfenden Capuccino, den ein Ausländer in Begleitung von zwei sehr jungen Mädchen im Café La Francia trinkt. In seinen Kinderaugen ist das nächtliche Havanna eine Reihe von Lichtern und Schatten, von Kunden und von anderen Leuten, die diesen beim Trinken zusehen, von blauen Uniformen, die aufpassen, und von Schatten, die ihnen aus dem Weg gehen, von Ecken mit einer schönen Seite und einer anderen, die man besser gar nicht kennt.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

„Fluchtmittel“

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Sie hält die Doppelbelastung – als Sekretärin sowie als Hausfrau und Mutter – dank einiger Diazepam-Tabletten* aus, die sie in ihrer Handtasche versteckt. Kein Arzt hat sie ihr verschrieben, stattdessen hat sie, indem sie verschieden Psychopharmaka ausprobiert hat, ganz allein den Weg zur „inneren Ruhe“ gefunden. Nur durch die Wirkung, den eine – jedes mal höhere – Dosis dieser kleinen Pille hervorruft, bewältigt sie die Parteiversammlungen, die Warteschlagen beim Einkaufen und die Anforderungen des Ernährungsbedarfs ihrer Familie.

Anfangs kaufte sie die Tabletten bei einem Nachbarn, der sich bei verschiedenen Artikeln aus einem Medikamentenlager bediente. Sie probierte es mit Chlordiazepoxid** und Amitriptylin***, die es ihr ermöglichten, des Nachts zu schlafen und auch dann zu lächeln, wenn der Bus wieder mit einer halben Stunde Verspätung eintraf. Bei einer Razzia gegen den Arzneimittel-Schwarzmarkt wurde ihr Lieferant ins Gefängnis gesteckt und sie stand ohne die notwendigen Beruhigungsmittel da. Kurz darauf tauchte ein neuer Lieferant auf, jedoch mit höheren Preisen.

Niemand in der Familie will sich eingestehen, dass die Mutter sich ausgeklinkt hat, mit einem seltsam zufriedenem Blick, selbst angesichts von Mangel und Problemen. Ihre Flucht ist wesentlich unauffälliger als der Aufruhr den der bis zum Umfallen alkoholisierte Ehemann jeden Abend beim Heimkommen veranstaltet. Beide haben sich zur Flucht entschlossen, jeder mit den Mitteln, die ihnen jeweils unmittelbar zur Verfügung stehen: Er mit Alkohol aus dem Krankenhaus, der von geschickten Hände destilliert wird, und sie mit einer Tablette, die sie ihr eigenes Leben vergessen lässt.

Die Kinder setzen auch nicht auf diese Wirklichkeit. Sie träumen lieber davon zu flüchten, wenngleich auf eine wesentlich realere, unumstößliche Art und Weise. Unter ihrem Bett bewahren sie einen halb zusammengebauten Motor auf, und im kommenden August werden sie ihn in der Straße von Florida brummen lassen. Die Mutter wird gar nicht dazu kommen, sich um sie Sorgen zu machen. Eine doppelte Dosis Diazepam wird verhindern, dass sie sich mit Gedanken an Haifische, an einen Sonnenstich oder an die ihnen bevorstehende lange Trennung quälen wird.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen

* Diazepam ist ein Psychopharmakon, bekannt unter dem Markennamen Valium
** Chlordiazepoxid ist ein lang wirkender Tranquilizer und Muskelrelaxant
*** Amitriptylin ist ein Antidepressivum

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Sherwood Forest

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Robin Hood hat bereits alle geraubten Reichtümer verteilt. Anfangs waren die Armen glücklich und heulten vor Freude in jedem Winkel des Waldes. Bald darauf erkannten sie aber, dass der große Räuberhauptmann aus Sherwood Forest sich nur darauf verstand, Reichtum umzuverteilen, nicht jedoch, welchen zu schaffen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Demokratie aus dem Chevrolet

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In diesen Tagen tritt die Nationalversammlung zu einer weiteren Sitzung zusammen. Allerdings weckt das, was im Inneren des Kongresszentrums „Palacio de Convenciones“ geschieht, unter der kubanischen Bevölkerung nicht allzu große Erwartungen. Nicht einmal die offizielle Beichte über das geringe Bildungsniveau der Lehrer aus Grund- und Mittelstufe führt dazu, dass wir uns dort überhaupt vertreten fühlen. Bereits seit Jahren haben wir Eltern uns – ohne jeden Erfolg – über das Desaster im Bildungswesen beschwert, welches der Einsatz von Jugendlichen als Lehrkräfte bedeutet, die ohne nennenswerte Vorbereitung vor die Schulklassen gestellt werden. Erst jetzt erkennen die parlamentarischen Kommissionen diesen Missstand an.

In ähnlichem Zeitlupentempo erreichen uns Versprechen über die Ausgabe von Baumaterialien, über die Vergabe von Lizenzen für all jene, die ihr Auto als Taxi benutzen wollen, und über ein größeres Angebot auf dem rationierten Markt für die Neugeborenen. All diese Bekanntmachungen haben wir aufgenommen wie der Hungrige, dem man lediglich ein Glas Wasser anbietet. Aber ich möchte klarstellen, dass wir deswegen nicht enttäuscht sind. Wir erwarteten auch nicht besonders viel von diesem Parlament, das heute zusammentritt.

Wer weiß, wenn die Nationalversammlung im Inneren eines dieser Chevrolets zusammentreten würde, die in den Straßen Havannas herumfahren, vielleicht würde sie dann wagen einzufordern, was wir wirklich wollen. Nur in den uralten Sitzen – geschützt durch die Anonymität und abgeschirmt durch die Geschwindigkeit – gelingt es, uns zu dem zu äußern, was uns nicht gefällt. Glaubt mir, dass sich das in diesen alten Blechkisten auf Rädern Gesagte nicht auf die Kritik an der Unmöglichkeit beschränkt, Sand oder Bolzen zu kaufen. Oder auf die Forderung nach mehr Stoff, um daraus Windeln zu machen. Inmitten des Geklappers von Benzinmotoren und von quietschenden Türen findet eine andere parlamentarische Sitzung statt: kleiner, mit weniger Macht, aber – zweifelsfrei – viel authentischer.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Journalismus oder Literatur

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Anlässlich des Kongresses des kubanischen Journalistenverbandes (UPEC)

Als ich das Preuniversitario* beendete, hatte ich die verrückte Idee Journalistin zu werden. Wir waren drei Freundinnen, die gemeinsam eine Privatlehrerin dafür engagierten, dass sie mit uns noch einmal die Eignungsprüfungen für die Universität durchging. Diese Frau beharrte – so penetrant, dass es mich zu ärgern begann – darauf, dass ich es niemals zu einer guten Reporterin bringen würde, sondern alles an mir auf einen anderen Berufszweig hindeuten würde: die Philologie. Ihre Verwünschungen sollten sich erfüllen. Denn schließlich endete ich damit, dass ich mich mit Wörtern, Phonetik und literarischen Konzepten auseinandersetzte, statt den Meldungen hinterherzujagen.

Nicht nur die Weissagung dieser Teiresias** von Havanna hielt mich von der Arbeit mit Informationen, sondern ebenso die Überzeugung, dass die journalistische Tätigkeit in einer durch Zensur, Opportunismus und Doppelmoral gekennzeichneten Gesellschaft eine Quelle unzähliger Frustrationen bedeuten würde. Ich hatte Reinaldo kennengelernt, der aus der „Juventud Rebelde“*** herausgeworfen worden war, weil „seine Art zu denken unvereinbar mit derjenigen der Zeitung“ gewesen sei. Zu sehen, wie sein Wunsch zu schreiben vom harten Arbeitsalltag als Fahrstuhlmechaniker aufgefressen wurde, war der entscheidende letzte Tritt gegen die Träume meiner Jugend.

Die Zeit der Glasnost war vorbei, und in Kuba verbreitete sich sowohl unter den Berichterstattern als auch unter deren frustrierten Lesern der bittere Geschmack einer vertanen Chance. In der Glotze hieß es unentwegt, dass die Produktion sich erhöhe, dass das Land durchhalten müsse und der „unbesiegbare Führer“ uns den Sieg bringen werde, während unser Lebensalltag jede triumphierende Phrase und jede geschönte Ziffer Lügen strafte. Ich wähnte mich in der Welt der Metaphern in Sicherheit.

Allerdings, so verschieden voneinander waren die beiden Berufe gar nicht, wo doch ein großer Teil des Journalismus, so wie er in Kuba von den offiziellen Medien betrieben wird, viel mit Literatur gemein hat. Während ich also versuchte, mich ins Dichterische, Romanhafte oder Theatralische zu flüchten, entdeckte ich, dass die kubanischen Nachrichten voll davon sind: Von Persönlichkeiten, die einfach unglaubwürdig sind, von Zukunftsmärchen, die nie wahr werden, und von lächelnden Gesichtern, die zwischen Tausenden betrübten Mienen herausgefiltert wurden.

Mit ihrer Prophezeiung wollte mich diese illegale Lehrerin auf etwas aufmerksam machen, was ich Jahre später selbst entdeckte: Zwischen der Dichtung unserer Presse und der unserer Romanautoren bietet mir letztere doch mehr Gewissheiten.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Letzte 3 Jahre der Oberstufe, die zum Besuch einer Universität berechtigen
** Griechische Sagengestalt des blinden Sehers von Theben
*** Tageszeitung des kommunistischen Jugendverbandes Kubas UJC

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Ein Zeugnis und viel Verwirrung

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Die Schule ist aus und ich sehe bereits meine Brotration in Gefahr. Mein Sohn wird zwei Monate lang nicht zur Schule gehen und vor lauter Unruhe während der Ferien
würde er glatt die Türbeschläge verschlingen. Er wird sich keinesfalls mit den 80 Gramm abfinden, die er durch die libreta (Bezugsscheinheft für rationierte Waren, Anm. d. Ü.) erhält und wird mit Sicherheit über meine Brotration oder die seines Vaters herfallen.

Ab jetzt bereite ich mich auf Fragen vor wie: „Mami, besuchen wir die Familie in Camagüey denn gar nicht?“. Ich werde ihm dann zu erklären versuchen, dass das bedeuten würde, sich drei Tage lang in die Warteschlange für die überregionalen Busverbindungen zu stellen, und dass bereits jetzt die Tickets für die zweite Julihälfte verkauft werden. Er wird sich auch nicht beruhigen, wenn er erfährt, dass die Preise dafür, sich in einem engen Ytong (neu eingeführte chinesische Busse, Anm. d. Ü.) Richtung Inselmitte zu bewegen, mittlerweile dem halben Monatslohn eines Durchschnittsverdienenden angenähert haben.

Aber ich werde versuchen ihm entgegenzukommen, indem ich mein Brot an ihn abtrete, ich werde drei Tage anstehen und in der Schlange schlafen wegen eines Tickets nach Camagüey und ihm sogar für ein paar Stunden die Playstation eines Nachbarn mieten. Das alles, weil er die siebente Klasse mit guten Noten abgeschlossen hat und das natürlich honoriert werden muss. Am vergangenen Samstag fand der feierliche Akt zum Abschluss des Schuljahres statt, und als er mit seinem Zeugnis heimkam, stieß er schon in der Tür seinen Kriegsschrei „Ich habe Ferien!“ aus.

Ich weiß nur nicht recht, was mein Sohn eigentlich abgeschlossen hat. Ob es sich dabei um die siebente Klasse handelt oder die Kommunistische Parteischule „Ñico López“. Die Verwirrung begann, als ich das Zeugnis erblickte, das ich hier (Link auf dt. Version hier) einstelle, damit ihr selbst sehen könnt, woher meine Verunsicherung kommt. Was meint ihr?

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger