Sich anpassen oder etwas verändern

gota-aceite.jpg

In meinem sowjetischen Fahrstuhl, der noch aus Zeiten stammt, als Breschnew die UdSSR regierte, begann Öl aus dem sich in der Decke befindenden Notausgang herauszutropfen. Der anhaltende Nieselregen steht keinesfalls im Widerspruch zum technischen Zustand des Aufzugs, besser gesagt korrespondiert er mit dem zerplatzten Fußbodenbelag, den obszönen Graffitis und den schaurigen Geräuschen, welche die Türen beim Öffnen machen. Diese ganz besondere Substanz hat einigen Nachbarn die Kleidung ruiniert oder die Haare nachgefettet. Aber die Lösung, die wir schließlich gefunden haben, ist, der Flüssigkeit genügend Platz einzuräumen, damit sie nach Herzenslust heruntertropfen kann. Seit ein paar Monaten können nun also nicht mehr sechs Personen gleichzeitig in das beschädigte Artefakt, denn es ist ein Plätzchen für die herunterfallenden Öltropfen reserviert.

So wie wir vor dem Öltropfen zurückgewichen sind, haben wir uns daran gewöhnt, dass von sechs wunderschönen Glastüren in einem Kino nur eine geöffnet ist. Der Konformismus bringt uns sogar dazu, zu akzeptieren, dass sich alle Zuschauer nach Ende des Films durch nur einen Türflügel drängeln, der doch früher einmal Teil einer ganzen Reihe von Flügeltüren gewesen ist. Ebenso haben wir uns daran gewöhnt, dass uns die Verkäufer in den Geschäften schlecht behandeln, dass gestreckte Produkte verkauft werden und dass Dienstleistungen nur kurze Zeit nach ihrer Einführung nicht mehr funktionieren. All das mit geschieht mit derselben rindviehartigen Lethargie, die uns auch zusehen lässt, wie unsere Bürgerrechte schwinden.

Gleichgültigkeit ist richtig „in“. Deshalb haben meine Nachbarn und ich damit begonnen uns einzureden, dass das Öl des Fahrstuhls gut fürs Haarwachstum ist und die Flecken, die es in den Kleidern verursacht, wunderschön aussehen. Anstatt sich auf eine Gegenreaktion unsererseits einzustellen, können die Öltropfen weiter friedlich in meinem sowjetischen Fahrstuhl heruntertropfen: Wir werden sie in Ruhe lassen. Wer wird sich denn schon auf den lächerlichen Versuch einlassen wollen, die Dinge zu verändern?

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

About these ads

Lassen Sie eine Antwort

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s