Chiquita

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Dank der Freunde, die ich mit diesem Blog gewonnen habe, ist der Roman Chiquita bei mir angekommen, Preisträger des „Premio Alfaguara“ (bedeutender spanischer Literaturpreis, Anm. d. Ü.) in diesem Jahr. Wahrscheinlich habe ich eines der wenigen Exemplare, die es überhaupt auf der Insel gibt und das verpflichtet mich dazu, es schnell zu lesen und an die Warteschlange von Freunden weiterzureichen, die bereits darauf warten. Die mehr als fünfhundert von Antonio Orlando Rodríguez geschriebenen Romanseiten faszinieren nicht nur wegen der Handlung, sondern auch, weil das Buch selbst von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben ist. So haben beispielsweise die „amtlichen“ kubanischen Medien bisher immer noch nicht bekannt gegeben, dass ein Landsmann einen so wichtigen Preis gewonnen hat.

Unter dem Heer von Journalisten und Paparazzi, die über den Preisträger herfielen, nachdem die Jury ihre Wahl getroffen hatte, war ganz gewiss kein Vertreter der kubanischen Presse. Dieses Stillschweigen überrascht mich nicht, denn während meines Studiums der kubanischen Literatur wurden mir schließlich mit derselben Willkür auch die Werke von Cabrera Infante, Dulce María Loynaz und Gastón Baquero vorenthalten. Verschweigen ist eine der gebräuchlichsten Vorgehensweisen der Zensur. Und nach deren Regeln gibt es Chiquita gar nicht. Die Funktionäre haben entschieden, dass es nicht zur genauestens definierten und begrenzten Sphäre „kubanischer Kultur“ gehört: Weil das Buch im Exil geschrieben wurde.

Wenn man die Biographie der Liliputanerin Espiridiona Cenda liest, findet man weder inhaltliche noch stilistische Gründe, das Buch auszugrenzen. Seine Ausgrenzung aus den Nachrichten, intellektuellen Debatten und Rezensionszeitschriften hat keine literarischen Ursachen. Der Umstand, dass der Autor vielleicht keiner Kultureinrichtung der Insel angehört, oder dass er irgendeine unangenehme Meinung über die kubanische Regierung geäußert hat, oder dass er vielleicht einfach nur sein Buch auf einem internationalen Wettbewerb vorstellte, ohne sich zuvor die gebotene Erlaubnis der UNEAC (des kubanischen Schriftstellerverbandes, Anm. d. Ü.) oder des Kultusministeriums einzuholen, schließt ihn von der öffentlichen Anerkennung in seinem Heimatland aus.

Die Kultur-Torquemadas (etwa: Kulturwächter – in Anspielung auf den ersten spanischen Großinquisitor, Anm. d. Ü.) verschwenden ihre Zeit, denn heutzutage erfährt man alles. Die ansehnliche Warteschlange für mein Exemplar von Chiquita sagt mir: Wenn es nach der Volksmeinung ginge, dann stünde Antonio Orlando Rodríguez auf der Titelseite unserer Zeitungen und in den Regalen jeder Buchhandlung. Espiridiona Canda wäre eine Figur der Zeitgeschichte und der geistige Zwergwuchs der Zensoren würde es nicht schaffen, die Geschichte „dieses lebendigen kubanischen Püppchens“ vor uns zum Verschwinden zu bringen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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