Der fehlende Briefverkehr

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Seit ich in diesen riesigen Neubau sozialistischer Bauart umgezogen bin – und das ist bereits 15 Jahre her – habe ich keinen einzigen Brief mehr auf dem normalen Postweg erhalten. Und das nicht etwa, weil mich meine Freunde vergessen oder weil E-Mails unsere traditionellen Nachrichtenwege abgelöst hätten, sondern einfach, weil wir Kubaner der Post nicht vertrauen.

Amtliche Angelegenheiten, Anträge und Zahlungen – die durchaus mit den herkömmlichen Postbotendiensten abgewickelt werden könnten – befinden sich sogar auf der noch davor liegenden Entwicklungsstufe, so dass wir immer persönlich auf dem Amt vorsprechen und uns in Warteschlangen einreihen müssen, damit unsere Anliegen bearbeitet werden. Der Tag, an dem wir die Rechnungen für Strom, Wasser oder Gas per Post erhalten, scheint so fern wie der Plot mancher Science-Fiction-Erzählung zu liegen und nicht einmal Asimov persönlich – als Autor solcher Geschichten (Anm. d. Ü.) – könnte uns davon überzeugen, dass uns irgendwann einmal ein Paket zugestellt werden könnte, das vorher nicht geöffnet worden ist.

Während ich mich noch mit Mutmaßungen über die Leere in meinem Briefkasten beschäftigt bin, veröffentlichte die Granma am Mittwoch dem 28. Mai einen Beitrag zum Thema der „Unverletzbarkeit des Briefgeheimnisses“, die in der Verfassung der Republik festgeschrieben wird. Die für den Text verantwortlich zeichnende Journalistin versichert, dass „das Gesetz zur Nationalen Verteidigung festlegt, dass in Ausnahmefällen – Krieg oder Kriegszustand, Generalmobilmachung und Ausnahmezustand – einige Rechte und verfassungsmäßige Zusicherungen, darunter auch die Unverletzbarkeit des Briefgeheimnisses, anders gehandhabt werden können.“

Über viele Jahre ist in Kuba die Überzeugung gewachsen, dass niemand seine Geheimnisse vor dem Staat bewahren kann und der persönliche Briefverkehr, als ein Ausdruck der Privatsphäre, immer eines der am häufigsten verletzten Güter war. Ich kenne tausendundein Beispiele von geöffneten und gelesenen Briefen, die dann gegen den Empfänger verwendet wurden, ohne dass dieses Vorgehen durch die Bedrohung eines kriegsähnlichen Konfliktes gerechtfertigt worden wäre. Eine Freundin, die mit einem Kollegen im US-amerikanischen Exil korrespondiert hatte, wurde von ihren Vorgesetzten verwarnt, nachdem ein indiskreter Nachbar ihre Post abgefangen und sofort dem betrieblichen „Sicherheitsdienst“ übergeben hatte.

Bis es wieder eine Privatsphäre geben wird, jenen geschützten Raum, in den der Staat nicht eindringen kann, weil er ausschließlich dem einzelnen Bürger gehört, wird es noch Jahre dauern. Dafür brauchen wir nicht nur die Gewissheit darüber, dass der versendete Brief zügig und unbeschädigt beim Empfänger ankommt, sondern auch die Sicherheit, dass das, was darin geschrieben steht, ausschließliches Eigentum von Absender und Empfänger sind. Irgendwann einmal wird ein versendeter Brief so sicher sein wie ins Ohr geflüsterte Worte und die Postämter werden dafür sorgen, dass dieses Raunen von anderen Personen nicht „gehört“ werden kann.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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