Erinnerung an die „Bolos“

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Die Lektüre des Buches „El séptimo secretario“ („Der siebte Sekretär“) von Michel Heller hat in mir eine Menge Erinnerungen an die „Sowjetphase“ dieses Inselchens wachgerufen. Damals war ich noch keine fünfzehn Jahre alt und habe sehr sinnliche Erinnerungen an diese Kolonialisierung. Ich erinnere mich an Konfektbonbons und Lebensmittel, die wir auf dem informellen Markt erstanden, den die Ehefrauen der sowjetischen Techniker damals betrieben. Es ist eigenartig, dass wir sie gar nicht nach ihrer Volkszugehörigkeit in der UdSSR benannten, und schon gar nicht als ‚Kameraden’ bezeichneten, sondern dass wir für sie einen Ausdruck benutzten, dessen Phonetik bereits von Differenzierungen nichts wissen will. Sie waren einfach die ‚Bolos’ (in etwa: Kegel; Anm. d. Ü.): unförmig, plump, ein Klumpen unbearbeiteter Ton, stämmig und ohne jeden Charme. Sie konnten eine Waschmaschine bauen, die den Strom verbrauchte, der fürs ganze Haus vorgesehen war, die aber – auch heute noch – in etlichen kubanischen Haushalten funktioniert.

Viele von uns haben Eltern, die in der Sowjetunion studiert und gearbeitet haben, doch kannten wir weder die Suppe namens Borschtsch noch schmeckte uns Wodka, so dass uns alles „Sowjetische“ altmodisch, steif und mega-out vorkam. Wir erstarrten angesichts der Bärenkraft, die aus ihren Gesten sprach und deren unterschwelligen Drohung, dass schließlich sie es waren, die unser karibisches Paradies aufrechterhielten.

Diese Mischung aus Furcht und Spott, zu denen uns die ‚Bolos’ anregten, gibt es noch heute. Wenn jetzt ein Tourist beim Stadtspaziergang seine Ruhe haben will vor hartnäckigen Zigarren-, Sex- oder Rumverkäufern, dann braucht er nur so etwas zu murmeln wie „Tavarisch“ (Genosse), „Nje ponemaju“ (Ich verstehe nicht), und der erschrockene Straßenhändler ist nicht mehr zu sehen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger