Das „Y“ an die Macht

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Ich führe einfach mal eine kleine Namensstudie durch: Wie viele Personen aus der Generation Y sitzen heute in Kuba an den Schalthebeln der Macht? Ich habe den Eindruck, dass, wenn ich einen Stein aufhebe, überall Yunieskys, Yordankas und Yusimí zum Vorschein kommen. Auf der Straße drehe ich mich ständig um, weil jemand gerufen wird, der einen ähnlichen Namen trägt wie ich. Aber in den Positionen, die den Kurs unseres Landes bestimmen, finde ich diese Überfülle von „Ypsilonen“ nicht wieder. Die Liste von Abgeordneten der Nationalversammlung – die in wenigen Wochen zusammentreten wird – zeigt kaum einmal jenen verrückten Buchstaben, der dem „Zett“ vorangeht. Und unter den Geschäftsführern, Leitern oder Direktoren der Betriebe lässt sich das eigenwillige „Y“ auch nicht blicken.

Wie wäre es, wenn wir von unserem vorletzten Platz im Alphabet aus, von diesem extravaganten Buchstaben, der im Spanischen so selten gebraucht wird, wenn wir von dort aus einen Aufschrei richten würden an die mächtigen Konsonanten und Vokale in den ersten Reihen. Wir werden ihnen so was sagen wie: „Jetzt ist die Stunde der ‚Y’ gekommen! Es wird Zeit, dass das Alphabet mit dem Schluss beginnt!“

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Die Anschlagtafel auswechseln

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Es gibt Definitionen, Parolen und Arten, Dinge zu bezeichnen, die man aus purem Automatismus weiter verwendet, obwohl in der Realität wenig übrig geblieben ist, was diese Bezeichnungen rechtfertigen würde. Es wird weiterhin von einer sozialen Gleichheit gesprochen, die ich nirgends mehr zu finden vermag, von einer Souveränität, die im Kontrast zu unserer tatsächlichen Abhängigkeit von ausländischen Märkten steht, und von einer Ideologie, deren Prinzipien in diesem „Pseudo-Staatskapitalismus“ nicht hervortreten.

Wir können die Anschlagtafel über der Tür belassen, aber auch dadurch wird sich die Realität nicht der darauf ausgegebenen Parole annähern. So wuchs zum Beispiel – siehe obiges Foto – ein Baum und verdeckte einen Teil der ans Selbstmörderische grenzenden, starrsinnigen Wahl zwischen „Sozialismus oder Tod“. Das Leben selbst sorgte schließlich dafür, dass diese extreme Wahlmöglichkeit, die uns der Slogan vorschlug, schlicht lächerlich erscheint. Ein paar dicke Äste mit grünen Blättern verdeckten die Botschaft mit ihrer „Mähne“ und schufen damit eine Alternative zu all dem, was man uns während der schlimmsten Jahre der Spezialperiode von den Tribünen her zugerufen hat.

Jetzt droht ein wachsender kleiner Trieb auch noch das Wort „Sozialismus“ zu überdecken. Wäre das nicht der Moment, die Anschlagtafel ganz auszuwechseln?

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Festival des französischen Films

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Die große Frage des Samstagabends lautet nicht „Was machen wir?”, sondern „Wie einen Zeitvertreib finanzieren, der fast immer in Pesos Convertibles bezahlt werden müsste?“. Für ein junges Paar bedeutet allein das „in die Diskothek gehen“ bereits eine Ausgabe von zehn Chavitos (umgangssprachlich für Peso Convertible, Anm. d. Ü.). Daher eignen sich Privatpartys oder Samstagabendfilme im Fernsehen besser für den eigenen Geldbeutel. Ich vertreibe mir die Zeit mit meinen Freunden, die mich besuchen kommen und ab und an gehe ich zum Malecón (der Strandpromenade Havannas, Anm. d. Ü.), das ist weiterhin gratis. Manchmal geselle ich mich zu den Jugendlichen, die sich an der Kreuzung der Straßen 23 und G treffen, um eine Nacht lang zu quatschen, mit lauter Stimme zu singen und von einem Ort zum nächsten zu ziehen.

Deshalb bin ich glücklich, wenn wieder das Festival des Französischen Films stattfindet und ich mich mir dem Bezahlen eines subventionierten Preises einige Nächte die Zeit vertreiben kann. Das heißt aber noch lange nicht, nach dem Film „99 F“ oder der Komödie „Usted es realmente guapo“ (etwa: „Sie sehen unverschämt gut aus“, Anm. d. Ü.) am Ausgang des Kinos ein Bierchen trinken zu können, denn das könnte den Lohn eines ganzen Arbeitstages aufbrauchen. Nach den Vorführungen hängen wir einfach vor dem Chaplin-Kino herum oder gehen nach Hause. Die Ankündigung der kommenden deutschen Filmwoche beruhigt mich: Wenigstens während einiger Tage wird das eigene Vergnügen nicht zum Harakiri.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

König Adidas

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Die Zungen ihrer Nike-Sportschuhe schneiden eine Grimasse der Überlegenheit gegenüber meinen Sandalen aus Kunstleder, während ich überschlage, dass die italienische Sonnenbrille sie einen ganzen Monatslohn gekostet haben dürfte. Aus ihrer Brieftasche, gekauft bei Vía Uno, holt sie ein paar Zigaretten der Marke Marlboro heraus und bietet mir eine an, obwohl sie weiß, dass ich nicht rauche. Wir gehen zusammen zu ihrer Wohnung im Stadtteil Cerro – einer Casería (kleine Wohnung aus mehreren Zimmern bestehend, Sanitärräume werden mit den Nachbarn geteilt, Anm. d. Ü.) in einem großen verwahrlosten Haus, in dem insgesamt sieben Familien leben. Ich betrete den Wohnraum und ihre makellosen Schuhe passen nicht zu dem Metallstuhl ohne Lehne, zu der unförmigen Matratze die von einem angegrauten Laken bedeckt wird und Wänden, die nicht mehr gestrichen wurden, seit der Großvater verstorben ist. Sie bietet mir Kaffee in einer Tasse ohne Henkel an, und ich komme nicht umhin, den großen Goldklunker an ihrem Zeigefinger zu bemerken. „Yadira!”, fahre ich sie an, „du schmeißt dich so in Schale und dabei hast du nicht mal ein eigenes Badezimmer!” Sie lächelt und ich bekomme dabei einen kleinen Edelstein zu Gesicht, der in ihrem linken Eckzahn blinkt.

Beim Verlassen ihres Hauses bemerke ich die beispiellose Kombination aus Protzerei und Armut, die unsere Straßen „ziert“. Zwischen den zerfallenen Portalen der Allee namens Reina sehe ich das Kommen und Gehen der Adidas, Kelme und Wilson. Meine Nase nimmt ebenso den Gestank aus der offenen Grube eines kaputten Abwassergrabens auf – die sich mitten auf dem Gehweg befindet – wie auch den unverwechselbaren Duft der Essenz von Christian Dior. Die Warteschlangen vor den Boutiquen erzählen mir von sehr viel Geld, das durch Rücküberweisungen, illegale Aktivitäten oder das Abzweigen von Material in die Hände der Leute kommt und das Gehabe eines „eingebildeten Pfaus“ ermöglicht. Niemand will ohne Markensachen bleiben, seien sie authentisch oder gefälscht.

Man hat mir erzählt, dass das Geschäft von Adidas an der Ecke zwischen den Straßen 1. Straße und D in Vedado die meisten Verkäufe pro Quadratmeter Verkaufsfläche in ganz Lateinamerika erzielt. Man denke sogar darüber nach, mit der Filiale umzuziehen, um in einem größeren Verkaufsraum die Erlöse zu verdoppeln. Einige der Produkte, die sie dort anbieten, werden von Personen gekauft, die kein eigenes Zimmer haben oder Jonglierkünste vorführen, um jeden Tag etwas zu essen zu haben. Sie bevorzugen, das „Wertvollste“, was sie besitzen, an ihrem eigenen Körper zu tragen.

Durch die Gläser einer UV-Sonnenbrille, gekleidet in ein baumwollenes Stück von Point Zero oder mit nach L´Oreal duftenden Haaren, sieht Yadira nicht die heruntergefallenen Fliesen in ihrer Küche und die metallenen Federn, die aus der Matratze herausstechen. Für diejenigen, die sie kennen, ist Yadira eine strahlende Jugendliche, die sich in Markensachen kleidet und nicht die Nachbarin aus einem armen Solar (Hauseingänge, hinter denen sich dann in langen Gängen viele kleine und kleinste Wohnungen ohne private Sanitäranlagen verbergen, die als Ganzes genommen einen Solar bilden, Anm. d. Ü.), wo sie jeden Morgen das Wasser bis ins winzige Gemeinschaftsbad schleppen muss.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Sich anpassen oder etwas verändern

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In meinem sowjetischen Fahrstuhl, der noch aus Zeiten stammt, als Breschnew die UdSSR regierte, begann Öl aus dem sich in der Decke befindenden Notausgang herauszutropfen. Der anhaltende Nieselregen steht keinesfalls im Widerspruch zum technischen Zustand des Aufzugs, besser gesagt korrespondiert er mit dem zerplatzten Fußbodenbelag, den obszönen Graffitis und den schaurigen Geräuschen, welche die Türen beim Öffnen machen. Diese ganz besondere Substanz hat einigen Nachbarn die Kleidung ruiniert oder die Haare nachgefettet. Aber die Lösung, die wir schließlich gefunden haben, ist, der Flüssigkeit genügend Platz einzuräumen, damit sie nach Herzenslust heruntertropfen kann. Seit ein paar Monaten können nun also nicht mehr sechs Personen gleichzeitig in das beschädigte Artefakt, denn es ist ein Plätzchen für die herunterfallenden Öltropfen reserviert.

So wie wir vor dem Öltropfen zurückgewichen sind, haben wir uns daran gewöhnt, dass von sechs wunderschönen Glastüren in einem Kino nur eine geöffnet ist. Der Konformismus bringt uns sogar dazu, zu akzeptieren, dass sich alle Zuschauer nach Ende des Films durch nur einen Türflügel drängeln, der doch früher einmal Teil einer ganzen Reihe von Flügeltüren gewesen ist. Ebenso haben wir uns daran gewöhnt, dass uns die Verkäufer in den Geschäften schlecht behandeln, dass gestreckte Produkte verkauft werden und dass Dienstleistungen nur kurze Zeit nach ihrer Einführung nicht mehr funktionieren. All das mit geschieht mit derselben rindviehartigen Lethargie, die uns auch zusehen lässt, wie unsere Bürgerrechte schwinden.

Gleichgültigkeit ist richtig „in“. Deshalb haben meine Nachbarn und ich damit begonnen uns einzureden, dass das Öl des Fahrstuhls gut fürs Haarwachstum ist und die Flecken, die es in den Kleidern verursacht, wunderschön aussehen. Anstatt sich auf eine Gegenreaktion unsererseits einzustellen, können die Öltropfen weiter friedlich in meinem sowjetischen Fahrstuhl heruntertropfen: Wir werden sie in Ruhe lassen. Wer wird sich denn schon auf den lächerlichen Versuch einlassen wollen, die Dinge zu verändern?

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Verordnetes Dämmerlicht

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Vor zwei Jahren klopften die Sozialarbeiter an meine Tür. Sie kamen im Rahmen einer Kampagne mit dem hochtrabenden Titel „Energierevolution“, um alle herkömmlichen Glühbirnen gegen Energiesparlampen auszutauschen. Mir hatte das warme, gelbliche Licht meiner Wohnzimmerlampe eigentlich immer gefallen, aber nach einer kurzen Inspektion entdeckten die geschulten Augen der Jugendlichen die energiefressende Glühlampe, und ich musste sie ihnen übergeben. Sie haben mir dafür eine andere gegeben, die lediglich ein fahles Glimmen verbreitete und nur drei Wochen lang hielt. Meine Augen haben sich über das kurze Leben der Sparlampe gefreut, denn in ihrem trüben Licht war es nachts unmöglich, irgendwelche Details voneinander zu unterscheiden.

Nach Ersatz für die kaputte Lampe musste ich in Devisenläden suchen, wo die von der Kampagne verteufelten herkömmlichen Glühbirnen – jene, die wir zeitlebens im Nachttisch hatten – auch nicht mehr verkauft wurden. Mir blieb nichts anderes übrig als entweder die kurzlebigen Sparlampen zu kaufen oder die anderen, so genanntes “Kaltlicht”, die mein Wohnzimmer wie einen Operationssaal aussehen lassen. Aber seit zwei Monaten gibt es noch nicht einmal mehr diese. Es gibt überhaupt keine Sorte Glühbirnen mehr in Havanna.

Als Witz erzählen mir die Verkäufer, dass das „Schiff aus China mit der Glühbirnenlieferung noch nicht angekommen ist“ und dass ein kleines Lädchen im Stadtteil Cerro unter tumultartigem Käuferandrang einige wenige angeboten hatte. Ein prüfender Blick offenbart, dass in meiner Wohnung die halbdunklen Bereiche bereits zahlreicher sind, als die beleuchteten. Wenn es also mit der willkürlichen Warenverteilung so weitergeht, werde ich meinen Tastsinn schärfen müssen oder aber über alle Möbel stolpern.

Niemand weiß – und das ist eines der Geheimnisse, die ich nur einem privaten Tagebuch wie diesem hier anvertraue – dass ich es geschafft habe, ein Exemplar der verfolgten Glühbirnen vor den Sozialarbeitern zu retten. Rund und verschwenderisch wie sie ist, hat sie mich seit fünf Jahren mit ihrem gelben 40-Watt-Licht begleitet. Energieverschwendung macht mir keineswegs Spaß, aber ich möchte mir wenigstens einbilden können, dass ich selbst entscheide, bei welchem Licht ich lese, esse oder fernsehe.

Ich klammere mich an meine „entkommene“ Glühbirne, als ob ich damit nicht nur mein Wohnzimmer, sondern auch die Schwerfälligkeit der Händler und die Freiwilligkeit bezüglich der Energiesparkampagnen beleuchten und aufhellen könnte.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Männersache

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Hier im Centro Habana der „guapos“ (*) (etwa: Messerhelden, Anm. d. Ü.) und Streithähne, wo ich geboren bin, habe ich gelernt, dass es Grenzen gibt, die eine Frau niemals überschreiten sollte. Mein ganzes Leben lang habe ich diese lachhaften Machoregeln missachtet, aber jetzt – und zwar ausschließlich heute – werde ich mich an eine davon halten. Ausgerechnet an die, die mir am wenigsten gefällt; dass nämlich „eine Frau einen Mann an ihrer Seite braucht, der für sie einsteht, wenn sie von anderen angegriffen oder verleumdet wird“. Weil ich mich attackiert fühle von einem, der unendlich viel mehr Macht hat als ich, der mehr als doppelt so alt ist wie ich und der – wie meine Nachbarinnen aus Kindertagen sagen würden – der Inbegriff der Männlichkeit ist, habe ich beschlossen, die Antwort meinem Mann, dem Journalisten Reinaldo Escobar, zu überlassen.

Ich meine damit die abfälligen Äußerungen Fidel Castros über mich in seinem Vorwort zu dem Buch ‚Fidel, Bolivia y algo más’. Nicht einmal dieser Angriff von allerhöchster Stelle bringt mich von meinem Vorsatz ab, mich nicht auf einen Teufelskreis von Widerspruch und Selbstverteidigung einzulassen. Leider muss ich ihm mitteilen, dass ich weiter auf das Thema „Kuba“ konzentriert bleibe.

Die Austragung des Streits soll Reinaldo und Fidel überlassen bleiben. Allen Mutmaßungen zum Trotz bleibe ich bei meinem „Frauenkram“ und stricke weiter an dem verschlissenen Teppich unserer Zivilgesellschaft.

Die „guapos“ aus meinem Viertel werden merken, dass ich etwas von ihnen gelernt habe!

(*) Ein „guapo cubano“ darf niemals mit einem Schönling verwechselt werden, sonst setzt es ein paar Ohrfeigen oder schlimmstenfalls einen klärenden Messerstich.

Hier klicken, um den Originalartikel (spanisch) von Reinaldo Escobar zu lesen.
Hier klicken, um eine Übersetzung des Artikels von Reinaldo Escobar zu lesen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Offenes Haar

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Wie viele andere in Havanna bin auch ich untröstlich über den Polizeieinsatz, mit dem etliche Betriebe dicht gemacht wurden, die bis dahin Teller, Teelöffel, Schnallen und Spangen aus Plastik hergestellt hatten. Nachdem der Polizei bei ihrer „Offensive gegen sozialen Ungehorsam“ über die „Taucher“ hergefallen war (siehe Blogeintrag vom 10. Juni: „In trüben Wassern fischen“, Anm. d. Ü.), hat sie jetzt 13 Werkstätten und 10 geheime Warenlager geschlossen, in denen heiß begehrte Artikel vertrieben wurden. Die illegalen Unternehmer hatten jedoch nicht etwa mit Drogen gehandelt oder Waffen verschoben, sondern schlicht und einfach Schüsseln, Wäscheklammern oder Haarspangen aus Plastik hergestellt.

Anscheinend gehört die Jagd auf Privatproduzenten zu dem neuen, dem Ausland so gerne präsentierten Wandel. Ob es so ist oder nicht, aus Protest gegen diese Razzia werde ich in nächster Zeit mein Haar offen tragen. Damit ich mir immer wieder sagen muss: „Yoani, gewöhne dich dran, dass immer mehr Accessoires verschwinden, mit denen du deine Mähne bändigen konntest.“ Fürs Erste habe ich einen Schaumlöffel aus Aluminium gekauft, und einen neuen Besen. Nach der jüngsten Beschlagnahmeaktion wird es so etwas bestimmt auch bald nicht mehr geben.

Uns verschreckten Käufern von „Überlebensmitteln aus Plastik“ wäre es lieber, wenn die alternativen Produzenten nicht Opfer von Polizeieinsätzen werden würden, sondern stattdessen legale Produktionsmöglichkeiten hätten. Würden sie von der ONAT (nationale Steuerbehörde, Anm. d. Ü.) legalisiert, dann würden sie auch Steuern zahlen und könnten ihre Produktionsmittel im Großhandel einkaufen. Innerhalb kürzester Zeit wäre dann niemand mehr bereit, ähnliche Waren teuer in Devisenläden zu erwerben, und der Staat müsste sie daher nicht mehr von weit her importieren. Und die notorischen Schnüffler müssten nicht mehr melden, wer Kaffeeservice, Kleiderbügel oder Dosendeckel herstellt. Ganz zu schweigen von meinem Haar, in dem eine hübsche Haarspange aus heimischer Produktion glänzen würde, erworben bei einem angesehenen selbstständigen Hersteller.

Hier klicken, um die Originalnachricht (spanisch) aus der Granma zu lesen.
Hier klicken, um eine Übersetzung des Granma-Artikels zu lesen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Chiquita

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Dank der Freunde, die ich mit diesem Blog gewonnen habe, ist der Roman Chiquita bei mir angekommen, Preisträger des „Premio Alfaguara“ (bedeutender spanischer Literaturpreis, Anm. d. Ü.) in diesem Jahr. Wahrscheinlich habe ich eines der wenigen Exemplare, die es überhaupt auf der Insel gibt und das verpflichtet mich dazu, es schnell zu lesen und an die Warteschlange von Freunden weiterzureichen, die bereits darauf warten. Die mehr als fünfhundert von Antonio Orlando Rodríguez geschriebenen Romanseiten faszinieren nicht nur wegen der Handlung, sondern auch, weil das Buch selbst von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben ist. So haben beispielsweise die „amtlichen“ kubanischen Medien bisher immer noch nicht bekannt gegeben, dass ein Landsmann einen so wichtigen Preis gewonnen hat.

Unter dem Heer von Journalisten und Paparazzi, die über den Preisträger herfielen, nachdem die Jury ihre Wahl getroffen hatte, war ganz gewiss kein Vertreter der kubanischen Presse. Dieses Stillschweigen überrascht mich nicht, denn während meines Studiums der kubanischen Literatur wurden mir schließlich mit derselben Willkür auch die Werke von Cabrera Infante, Dulce María Loynaz und Gastón Baquero vorenthalten. Verschweigen ist eine der gebräuchlichsten Vorgehensweisen der Zensur. Und nach deren Regeln gibt es Chiquita gar nicht. Die Funktionäre haben entschieden, dass es nicht zur genauestens definierten und begrenzten Sphäre „kubanischer Kultur“ gehört: Weil das Buch im Exil geschrieben wurde.

Wenn man die Biographie der Liliputanerin Espiridiona Cenda liest, findet man weder inhaltliche noch stilistische Gründe, das Buch auszugrenzen. Seine Ausgrenzung aus den Nachrichten, intellektuellen Debatten und Rezensionszeitschriften hat keine literarischen Ursachen. Der Umstand, dass der Autor vielleicht keiner Kultureinrichtung der Insel angehört, oder dass er irgendeine unangenehme Meinung über die kubanische Regierung geäußert hat, oder dass er vielleicht einfach nur sein Buch auf einem internationalen Wettbewerb vorstellte, ohne sich zuvor die gebotene Erlaubnis der UNEAC (des kubanischen Schriftstellerverbandes, Anm. d. Ü.) oder des Kultusministeriums einzuholen, schließt ihn von der öffentlichen Anerkennung in seinem Heimatland aus.

Die Kultur-Torquemadas (etwa: Kulturwächter – in Anspielung auf den ersten spanischen Großinquisitor, Anm. d. Ü.) verschwenden ihre Zeit, denn heutzutage erfährt man alles. Die ansehnliche Warteschlange für mein Exemplar von Chiquita sagt mir: Wenn es nach der Volksmeinung ginge, dann stünde Antonio Orlando Rodríguez auf der Titelseite unserer Zeitungen und in den Regalen jeder Buchhandlung. Espiridiona Canda wäre eine Figur der Zeitgeschichte und der geistige Zwergwuchs der Zensoren würde es nicht schaffen, die Geschichte „dieses lebendigen kubanischen Püppchens“ vor uns zum Verschwinden zu bringen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Die Hand, die die Stäbchen wirft

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Wie bei einem dieser Spiele mit chinesischen Stäbchen, wo eine Handvoll feiner bunter Stäbchen zunächst über den Tisch gehalten und dann plötzlich fallen gelassen wird, so sind wir, meine Kollegen und ich über die enorme „Tischplatte“ dieses Erdballs verstreut worden. Wir, die wir in den gleichen Hörsälen studiert haben, Ideen austauschten und gemeinsam Projekte durchführten, könnten jetzt ein Netzwerk von an der Universität Havanna graduierten Philologen gründen, deren Mitglieder über die ganze Welt verstreut sind.

Marlen, aus Matanzas, lebt am anderen Ufer und macht dort ihren Doktor; während Nelson, der als erster von uns seinen Abschluss in der Tasche hatte, schon seit fast sechs Jahren in den Vereinigten Staaten lebt. Vom Dichter José Félix weiß ich, dass er mit einer Gitarre in Spaniens Bars gesungen hat und von Walfrido, der sich der Semantik gewidmet hatte, dass er mit seiner Freundin in Madrid lebt. Viele von den Studenten aus den Jahrgängen vor mir, wie Sahily und Yamilé, leben im Big Apple oder in irgendeinem Land Lateinamerikas. Die Liste der Emigrierten stimmt – von wenigen Ausnahmen abgesehen – mit der derjenigen überein, die während meiner Studienzeit in der Fakultät Artes y Letras an der Universität immatrikuliert waren.

Das chinesische Stäbchen, das ich bin, ist von einem Kontinent zum anderen geschwankt, doch eine irrsinnige Gravitationskraft bewirkte, dass es schlussendlich wieder an seinen Ausgangsort gelangte, und das, ohne Ressentiments denen gegenüber, die weit weg gefallen sind. Eine Vielzahl von Umständen hat uns alle von hier nach dort geworfen. „Die Hand, die die Stäbchen wirft“ war bei Einigen die wirtschaftliche Notlage, die fehlenden Zukunftsaussichten oder schlicht die Unmöglichkeit, weiterhin mit Eltern und Großeltern unter einem Dach zu leben. Bei Anderen von uns war es das Gefühl des Erstickens angesichts fehlender Freiheiten, das uns ins Exil trieb, der Wunsch, einfach mal an der Straßenecke loszuschreien, selbst wenn uns niemand hört.

All diese Linguisten, Kunstkritiker und Schriftsteller verloren zu haben, fällt in die Kategorie eines nicht wieder gut zu machenden Schadens für die kubanische Kultur. Trotzdem findet niemand – weder auf den Kulturkongressen noch in den Versammlungen der UNEAC (des kubanischen Schriftstellerverbandes, Anm. d. Ü.) und noch weniger auf den politischen Rednerbühnen – klare Worte zur Bedeutung dieser Massenflucht meiner Kollegen. Es scheint, als ob keine Hand dazu bereit ist, all diese Stäbe wieder einzusammeln und diesen „Philologen auf der Flucht“ die Möglichkeit zu eröffnen, hier ihr eigenes Zuhause zu haben, ihre beruflichen Ziele zu verwirklichen oder – in Freiheit – an allen Straßenecken zu schreien.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger