Stimmen wir für den Humor

Du bist’s, der spricht, ebensowohl wie ich, ich bin deine Zunge,
Gebunden in deinem Mund, fängt sie in meinem an sich zu lösen.
Walt Whitman

mente_pollo.jpg

Eine humoristische Figur namens ‚Mente Pollo’ (etwa: Spatzenhirn, Anm. d. Ü.) lässt uns jeden Mittwoch schallend lachen. Zur Hauptsendezeit des Fernsehsenders Cubavisión spricht der scharfsinnige „Professor“ das aus, was wir nur hinter vorgehaltener Hand flüstern. Er kann sich das sogar vor laufenden Kameras leisten, denn Witze und Anspielungen beschützen ihn. Dennoch, manchmal ist seine Kritik so klar und deutlich, dass wir uns schließlich Sorgen machen um den Schauspieler, der diesen Charakter verkörpert. Wir sind dankbar, dass er unseren absurden Alltag als Witz darstellt, und dass er sich traut, das klar auszusprechen, was unsere Parlamentarier in ihren Sitzungen nicht benennen können. So wurde ‚Mente Pollo’ schließlich zur einzigen Person, die meine Wünsche und Forderungen öffentlich ausspricht. Lässt sich Kritik vielleicht in heiterer Form viel effektiver verpacken?

Vergangenen Donnerstag haben gleich mehrere Freunde zu mir gesagt: „Sie sind kurz davor, die Sendung ‚Deja que te cuente’ (dt.: Lass mich dir erzählen) abzusetzen. Sie kritisieren sehr hart …“ Aber nicht doch, der ehrenwerte und weise Doktor Mente Pollo und seine Kollegen illustrieren in der Sprache des Humors lediglich das, was wir täglich bei vollem Ernst aussprechen. So sagte er zum Beispiel bei seinem vorletzten Auftritt voraus, dass künftige Archäologen völlig überfordert sein werden, wenn sie aus den Überresten eines Hähnchens dieser Tage das Tier wieder rekonstruieren wollen: Denn egal ob auf dem rationierten Markt mit Bezugsscheinheft oder für Devisen, nie hat es eine Hähnchenbrust.

Sei’s drum, selbst wenn sie als Unterhaltungssendungen daherkommen, sagen die Sendungen von Mente Pollo, Lindoro Incapaz, Taller Rosca Izquierda und Pipo Pérez mehr über unsere Wirklichkeit und unsere Zweifel aus als die Hauptnachrichtensendung ‚Noticiero Nacional’, die ‚Runden Tische’ und die ganzen Analysten im Fernsehen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Parallelwelten

cafe_cantante.JPG

17:00 Uhr
Ich stehe am Eingang des Café Cantante des Teatro Nacional. Das Programm interessiert mich eher weniger, ich begleite eine Freundin, die regelrecht tanzversessen ist.

17.27 Uhr
Der Mann am Einlass fragt uns, zu welcher Institution wir gehören; die Tische für Einheimische sind nämlich für eine Gruppe ausgezeichneter Buchprüfer reserviert. Ich erkläre ihm, dass es sich bei uns um „Unabhängige“ handelt, und anstatt deswegen Probleme zu machen, lacht er lauthals. Und lässt uns hinein.

18:10 Uhr
Auf einer Leinwand werden US-amerikanische Videoclips gezeigt, während an der Bar verschiedene Biersorten, Rum und Erfrischungsgetränke für Pesos Convertibles angeboten werden. Meine Freundin und ich werden von einigen jungen Männern in hautenger Kleidung umringt und lasziv angetanzt. Als sie hören, dass wir „kubanisch” sprechen, weichen sie wie aufgescheucht von uns und gehen woanders hin.

19:00 Uhr
Weiterhin Musik vom Band. Anscheinend will die Band nicht spielen, oder es sind noch nicht alle Mitglieder da. Die jungen Männer neben uns wackeln jetzt vor drei Spanierinnen herum, die wiederum erkennen lassen, dass sie Interesse an ihnen haben. Jeder von ihnen trägt irgendetwas Weißes, um damit – im Diskolicht – besonders aufzufallen

19:40 Uhr
Es hat sich niemand mehr unserem Tisch genähert. Eigentlich erstaunlich bei zwei unbegleiteten Frauen in einem Club, aber anscheinend hängen Annäherungsversuche von der Nationalität ab.

20:20 Uhr
Keinerlei Stimmung hier in meiner Umgebung: Jugendliche, die doppelt so alten Damen schöne Blicke zuwerfen, Markenkleidung und Glimmer überall und viel Getue um jeden Ausländer, der hereinkommt. All das lässt mich an die Parolen von Ernsthaftigkeit, Linientreue und Disziplin denken, die „draußen” gelten.

20:40 Uhr
Gleich wird geschlossen, und mir wird klar, dass spätestens an der nächsten Straßenkreuzung, vor den unzähligen Ministerien dieser Gegend, ich das Gefühl nicht werde loswerden können, in zwei parallelen Welten zu leben, die sich gegenseitig ausschließen.

21:00 Uhr
Beim Verlassen des Cafés bemerke ich, dass die weiß gekleideten jungen Männer mit den Damen weggehen, die mit diesem „spanischen Akzent“ sprechen. Auf dem Heimweg komme ich an einem riesigen Transparent des Staatsrates vorbei, auf dem ein Satz von Martí prangt: „In jedem Augenblick muss man das tun, was der Augenblick erfordert.”

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

valla_marti.jpg

Flügel und Anker

titulo_propiedad.jpg

Haus- oder Wohnungseigentümer zu sein, ist nicht unbedingt Anlass zu immerwährender Freude. Wenn Ihnen das Haus gehört, Sie aber weder die Mittel haben, es instand zu halten, noch Pesos Convertibles, um die für das Haus notwendige Farbe, den Zement oder die Fliesen zu kaufen, dann sind Sie eher der Besitzer eines Problems in Form von Wohneigentum. Obwohl natürlich viele, vor allem jene die an den Rändern dieser Stadt ohne irgendeine legale Absicherung in schnell zusammengezimmerten Hütten leben, davon träumen, dass sie sich einmal mit solchen „Problemchen“ herumschlagen müssten.

Mit der Zeit stellen Sie fest, dass die Fassade bröckelt, dass es nicht mehr sicher ist, sich auf dem Balkon aufzuhalten oder dass durch die Stöße der Wassereimer die Treppenstufen in lauter Teile zerbrochen sind. All dies erleidet man wegen dieser eigenartigen Doppelrolle als Eigentümer und Enteigneter. Letzteres deshalb, weil die Bestimmungen, Verbote und Beschränkungen für Ihr Eigentum so zahlreich sind, dass Sie den Eindruck haben, Sie müssten für alles eine Genehmigung einholen, was mit ihrer Wohnung zu tun hat.

Dieses Heim, in das Sie viele Stunden Arbeit gesteckt, Ihre finanziellen Mittel investiert oder dessentwegen Sie sogar die morbide Hoffnung auf den Tod eines Familienangehörigen gehegt hatten, um ihn beerben zu können, ist Ihnen „Flügel“ und „Anker“ zugleich. Es erlaubt Ihnen, Freunde nach Hause einzuladen und gemeinsam Zeit unter Ihrem eigenen Dach zu verbringen, aber Sie können es nicht einfach so jemandem überlassen, wenn Sie das möchten. Und falls Sie an eine kleine „Auszeit“ im Ausland denken: Die Alarmglocken einer drohenden Konfiszierung lassen Sie – spätestens nach elf Monaten – aus Ihren Reiseträumen erwachen. Es scheint, als ob Wohneigentum nicht nur Heim und Zuflucht ist, sondern auch ein Klotz am Bein.

Daher spielen Sie mit dem Gedanken, in die Vermietung an Ausländer einzusteigen und auf diese Weise den Verfall zu stoppen, der schon überall zu sehen ist – doch seit Jahren werden für diese Aktivitäten keine neuen Genehmigungen mehr erteilt. Also beschließen Sie, Ihr Wohneigentum einzutauschen, gegen etwas Kleineres, das besser erhalten ist. Doch ein freundschaftlicher Ratschlag macht Sie darauf aufmerksam, dass die staatliche Wohnungsbehörde Sie sogar enteignen könnte, wenn sie davon Wind bekommt, dass Sie bei diesem Tausch dafür Geld erhalten, dass Sie sich verkleinern.

Kurz und gut, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden, dass Ihnen Ihr Wohneigentum bald auf den Kopf fallen wird. Immerhin, Sie besitzen wenigstens die Eigentumsurkunde und können sich damit Luft zufächeln, während Sie dem Verfall zusehen!

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Von dort oben

bus_biplanta.jpg

Eine neue Buslinie zieht seit einigen Wochen in Havannas Straßen ihre Kreise. In einem leuchtenden Rot gehalten und versehen mit großen Reklameschriftzügen und einem ungewöhnlichen Oberdeck, bewegt sich dieses neue „Raumschiff“ auf einer Rundfahrt durch die Hauptverkehrsadern der Stadt, die fünf Peso Convertible kostet.
Seine Passagiere sind jene Touristen, die an einer kompakten Spazierfahrt zu den Hauptattraktionen unserer Metropole interessiert sind. Eine wundervolle Gelegenheit für all jene, die lieber vom Oberdeck aus betrachten, was man zu ebener Erde völlig anders wahrnimmt.

In der kräftigen Maisonne schmorend, drücken die Fahrgäste auf die Auslöser ihrer Kameras und sind dabei wohlbehütet vor kaputten Kanalabdeckungen, löcherigen Gehwegen und räudigen Hunden, aus denen sich meine eigene Stadtlandschaft zusammensetzt. Unterdessen betrachten wir den Doppeldeckerbus, als wäre er Werbeprospekten für Reisen nach New York oder Tokio entsprungen. Von den Sitzen „dort oben“ erzählen uns die glücklichen Gesichter der Passagiere von einem Havanna, das nur sie zu sehen scheinen. Ehrlich gesagt überrascht mich soviel Kurzsichtigkeit nicht, denn die Auswirkungen, die ein erfrischender Mojito auf die menschliche Wahrnehmung hat, sind bestens bekannt.

Während ich sie so auf ihrer rollenden Dachterrasse betrachte, fällt mir ein Nachbar ein, der mich einmal gefragt hatte: „Was ist der sichtbarste Unterschied zwischen einem Touristen und einem Kubaner?“ In meiner Naivität zählte ich Sonnenschutzcreme, Lonely-Planet-Reiseführer und Antimückenspray auf … aber nein. Die Antwort war viel nahe liegender: „Ein Tourist schaut ständig nach oben. Er ist völlig entzückt von der Architektur, den Kirchenfenstern, Torbögen und Säulen; wir Kubaner hingegen, wir halten beim Gehen aufmerksam nach Löchern Ausschau, die unseren Fußgelenken gefährlich werden könnten.“ Obwohl es sich hierbei um eine dieser klischeehaften Übertreibungen handelt, scheint mir doch, dass dieser Doppelstockbus den gleichen Weg nimmt wie der Witz meines Nachbarn. Von dort oben aus gesehen gibt es nichts mehr, was sich zwischen die Blicke der verblendeten Touristen und die mehr als ein Jahrhundert alten Bauwerke schieben könnte. Nicht einmal wir selbst – sozusagen als kleine Beigabe dieser Bühnendekoration – sind ein Störfaktor dabei, dass sie sich an dem erfreuen, was sich über unseren Köpfen abspielt.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Ein bisschen Ordnung … jedoch keine Zensur

dialogo.jpg

Angesichts des Umfangs und der Bedeutung, den die Kommentare in diesem Blog erreicht haben, ist es an der Zeit, für deren Veröffentlichung Regeln aufzustellen, damit sie nicht in Beleidigungen, verbale Gewalt und persönliche Angriffe ausarten. Um einer konstruktiven offenen Auseinandersetzung und einer respektvollen Debatte willen ist eine stärkere Moderation von Generation Y notwendig geworden.

Die bekannten Probleme, die wir kubanischen Staatsbürger beim Zugang zum „Netz aller Netze“ haben, erlauben mir nicht, meine Funktion als „moderierender Schiedsrichter“ zwischen den Debattierenden wahrzunehmen. Deshalb habe ich eine Gruppe von Mitarbeitenden ins Leben gerufen, die – ohne dafür auf irgendeine Weise entlohnt zu werden, ohne selbst an der Debatte teilzunehmen und ohne thematische Einflussnahme – für die Einhaltung der folgenden Regeln sorgen wird:

- Kommentare, die Beleidigungen irgendeiner Person enthalten, zu Gewalt aufrufen oder Gewalt verherrlichen, werden gelöscht.
- Kommentare, die mehr als zwei Links enthalten, werden zurückgehalten bis die dort empfohlenen Internetseiten überprüft worden sind. Auf diese Weise wird die Unmenge von Spam eingedämmt, die uns in den vergangenen Wochen erreicht hat.
- Die Filter von WordPress werden automatisch alle Einträge löschen, in denen Obszönitäten enthalten sind, mehrmals eingestellte Texte werden ebenfalls entfernt.
- Wer zum Argumentieren ein Dokument einstellen möchte, sollte am besten lediglich den Link zur entsprechenden Internetseite und eine kurze Beschreibung der zum Link gehörenden Seite im Kommentar hinterlassen. Alle Links werden überprüft, und wenn der Inhalt mit der Beschreibung nicht übereinstimmt, werden sie gelöscht. Besonders lange Dokumente werden durch ihren Link ersetzt. Gleichzeitig wird in Erwägung gezogen, die maximal erlaubte Zeichenzahl pro Kommentar herabzusetzen.
- TeilnehmerInnen, die den Namen anderer TeilnehmerInnen für ihre eigenen Einträge verwenden, werden gesperrt.
- Kommentare, die nicht das lateinische Alphabet verwenden, können nicht veröffentlicht werden.
- Es wird eindringlich darum gebeten, keine Kommentare einzufügen, die nur aus Großbuchstaben bestehen, da so etwas als Schreien oder Brüllen verstanden wird.

Diejenigen, die dieses Diskussionsforum regelmäßig nutzen, werden feststellen, dass die neuen Regeln dazu beitragen, dass Niveau der Debatten zu heben. Die Boykotteure und die Jungens der „Brigada de Respuesta Cibernética“ (In etwa: Internet-Eingreiftruppe, gemeint ist eine vermeintlich vom kubanischen Staat aufgestellte Gruppe von Informatik-Studierenden, die missliebige Seiten sperren oder darauf Kommentare abgeben, Anm. d. Ü.) werden nicht gerade begeistert sein … aber schließlich kann man es nicht allen recht machen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Hinweis in eigener Sache der AdministratorInnen der deutschsprachigen Seite des Blogs:

Alle Kommentare, die nicht in deutscher Sprache geschrieben sind, werden von dieser Seite gelöscht, um allen, die kein Spanisch verstehen, ebenfalls die Teilnahme an der Diskussion im Blog zu ermöglichen. Für spanischsprachige Kommentare steht weiterhin die spanischsprachige Seite des Blogs zur Verfügung.

Neue Preiserhöhungen

detergente.jpg

Vor einem halben Monat haben sie Martas spärliche Pension um 35 kubanische Pesos erhöht. Als sie am Bankschalter anstand, um den monatlichen Rentenscheck einzulösen, warnte sie eine Freundin: „Freu dich nicht zu früh, denn jetzt steigen auch die Preise!“ Doch weil unsere Straßen voll von Pessimisten und Miesmachern zu sein scheinen, glaubte sie der alarmierenden Prophezeiung nicht. Ein Riesenfehler, denn als sie am darauf folgenden Samstag ihre Einkäufe machte, bemerkte sie, dass sie in den Devisengeschäften plötzlich mehr Geld benötigte, um Grundnahrungsmittel einzukaufen.

Mit ihren 62 Jahren bringt Marta so gut wie nichts mehr aus der Fassung. Trotzdem bekam sie einen gewaltigen Schreck, als eine Flasche Öl, die früher 1,90 CUC gekostet hatte – ungefähr 45 Pesos Cubanos – jetzt mit 2,30 CUC ausgezeichnet war. An eine offizielle Bekanntmachung über eine Preiserhöhung konnte sie sich nicht erinnern und sie hätte schwören können, dass die Mehrheit mit dem genauen Gegenteil gerechnet hatte. Stattdessen reicht ihr die „großzügige“ Erhöhung der Rente gerade mal dafür, ein Päckchen Suppenkonzentrat zu kaufen und ein Paket mit 300g Waschpulver. Letzteres findet man jetzt nur für 1,30 CUC. Damit kostet es ungefähr 30% mehr als noch in der letzten Woche.

Schweren Herzens wird sie ihrer Freundin beim nächsten Zusammentreffen Recht geben müssen. Und ihr bestätigen, dass es ganz den Anschein hat, dass den Löhnerhöhungen – eine gewisse Zeit später – die entsprechenden Preiserhöhungen nachfolgen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Glückliche Landbevölkerung

campesinos.jpg

In die Rucksäcke packten sie ein paar Dosen mit Fleisch, einige Kerzen und einen alten Fotoapparat der Marke „Zenit“. Bis Santiago de Cuba fuhren sie mit dem Zug und erreichten sehr früh am Samstag die Berge. Sie wollten bis Baracoa wandern, in den Nächten mitten auf einem Berg ihr Zelt aufschlagen und sich darin mit der Ungezwungenheit ihrer siebzehn Jahre lieben. Geplant war eine viertägige Wanderung und für den Dienstag ein unvergesslicher Abstieg hinab zum Meer und nach Baracoa, der Wiege Kubas.

Nach der ersten Nacht sahen sie einen Bauern, der mit einer Reihe aneinander gebundener Maulesel unterwegs war. Die Zweifel, ob sie sich diesem nähern sollten oder nicht, wurden durch ein Argument seinerseits weggefegt: „Fragen wir ihn, wo sich das nächstgelegene Gehöft befindet“. Sie, vorsichtiger, wollte ihn darauf hinweisen, dass es in den Bergen nicht mehr so sei wie früher, als die Bauern das Wenige, das sie besaßen, mit jedem x-beliebigen Fremden geteilt hatten.
Gleichwohl gingen sie auf ihn zu und der Maultiertreiber fuhr sie an: „Was habt ihr hier zu suchen? Ohne Genehmigung darf man in diesen Bergen nicht herumlaufen“.

Es war bereits zu spät, diesen Fehler ungeschehen zu machen und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Mann ins nächste Dorf zu begleiten, wo sie mit Fragen überhäuft wurden. Der Lehrer der Dorfschule sagte ihnen, dass sie sich ruhig verhalten sollten bis die Polizei käme und war sehr bemüht herauszufinden, wer sie auf die Idee gebracht hätte, in die Sierra Maestra vorzudringen. Sie erzählte von Zen, von kosmischer Energie und einigen Übungen des Tai Chi, die sie mit der Natur verbinden würden. Doch sie glaubten ihnen nicht.

In der Nacht traf der regionale Polizeichef ein und sie mussten nochmals wiederholen, dass sie nur wandern, gemeinsam unter den Bäumen zelten und auf dem längsten Weg nach Baracoa gelangen wollten. Man brachte sie zurück nach Santiago auf die Polizeiwache und dort wurden sie dazu genötigt, in einen Bus nach Havanna zu steigen. Während der langen Reise mussten sie immer wieder an die Einwohner dieses völlig abgeschiedenen Dorfes denken, die der Polizei gesagt hatten: „Nehmen Sie sie mit, die führen etwas Seltsames im Schilde. Wem würde es sonst einfallen, durch diese Berge wandern zu wollen?“

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Anklage – Plädoyer – Geständnis

te_estoy_cazando.jpg

Man weist mich darauf hin, dass sich auf dem Tisch irgendeines Büros „mein Fall“ befindet. Eine dicke Akte, voller Belege über begangene Delikte, ein umfangreiches Dossier widerrechtlicher Handlungen, die sich bei mir in den letzten Jahren angesammelt haben. Die Nachbarn legen mir nahe, mich hinter den Gläsern einer Sonnenbrille zu verbergen und zu Hause das Telefon auszustecken, wenn ich etwas Privates besprechen möchte. Wenig, sehr wenig – so wird mir klargemacht – könne man noch tun, um zu verhindern, dass sie nicht eines Morgens an meine Tür klopfen.

In Erwartung dessen möchte ich darauf hinweisen, dass ich keine Waffen unter dem Bett versteckt habe. Allerdings habe ich ein verabscheuungswürdiges Delikt auf systematische Weise begangen: Ich habe mich frei geglaubt. Ich habe auch keinen konkreten Plan, um die Dinge zu verändern, aber in mir hat der Einspruch den Platz des Triumphiergehabes eingenommen, und das ist – definitiv – strafbar. Niemals war ich dazu in der Lage jemandem eine herunter zu hauen, trotzdem weigerte ich mich, dieses systematische Ohrfeigen meines „staatsbürgerlichen Ichs“ zu akzeptieren. Letztere Haltung ist in hohem Grade verwerflich. Und obendrein – ganz davon abgesehen, dass ich nichts Fremdes entwendet habe – wollte ich, gewissermaßen als Wiederholungstäterin, „stehlen“, wovon ich glaubte, es sei mein Eigentum: eine Insel, ihre Träume, ihr Vermächtnis.

Aber täuscht euch nicht; ich bin nicht vollkommen unschuldig. Auf mein Konto gehen eine Menge Missetaten: Ich habe systematisch auf dem Schwarzmarkt eingekauft, ich habe mit gesenkter Stimme – und mit kritischem Unterton – Bemerkungen über diejenigen gemacht, die uns regieren, ich habe den Politikern Spitznamen verpasst und vor dem Pessimismus klein beigegeben. Zu allem Überfluss habe ich das abscheuliche Verbrechen begangen, an eine Zukunft ohne „sie“ zu glauben und an eine Version der Geschichte, die anders ist als jene, die man mir beigebracht hat. Ich habe die Parolen ohne innere Überzeugung wiederholt, die schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit gewaschen und – das schlimmste Verbrechen – ich habe ohne Erlaubnis Sätze zusammengefügt und Wörter miteinander verbunden.

Ich bekenne – und nehme den mich erwartenden Urteilsspruch an – dass es mir nicht möglich war, zu überleben und dabei alle Gesetze einzuhalten.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Muttertag oder „eine Mutter heutzutage“

lo_escuchamos_todo.jpg

(Geschrieben am Sonntag, dem 11. Mai, beim Warten auf eine funktionierende Internetverbindung, die erst heute zustande kam)
Mein Sohn wird zum Mann und fordert bereits seinen eigenen Raum ein. Momentan ist sein Territorium eher begrenzt: Ein einzelnes Zimmer; das übliche Chaos desjenigen, der auf die langweilige Ordnung der Dinge nicht weiter Acht gibt und nach der anarchischen Losung „Ich mache, wonach mir gerade der Sinn steht“ lebt. Ich kann bereits jetzt die Zusammenstöße erahnen, wenn sich seine Bedürfnisse nach Autonomie auf seine Stadt und das gesamte Land ausweiten werden. Wenn das eroberte Zugeständnis, seine Ikonen an die Wände heften zu dürfen, dem unausweichlichen Drang Platz machen wird, irgendeine „unbequeme“ Vorliebe zum Ausdruck bringen zu müssen.
Der Tag wird kommen, an dem ihm die Frisur, die Mode oder die Musik nicht ausreichen werden, um sich „anders“ zu fühlen. Er wird also ein Querulant werden, ein Reaktionär oder Extremist, und dies mit der uneingeschränkten Komplizenschaft – und das meine ich sehr ernst! – seiner Erzeugerin. Ich denke gar nicht daran, ihn aus dem Haus zu werfen, ihn wegen seiner Taten zu denunzieren, seine Handlungen zu verurteilen oder etwa – um mich aus der Verantwortung zu stehlen – zu erklären, dass ich ihn „zu so etwas nicht erzogen hätte“.
Schließlich hat er sich auch mit mir abfinden und mich erdulden müssen. Was auch immer er werden wird: Sonderling, Pyromane, Rebell, oder gar gleichgültig, er wird immer auf mich zählen können. Eigentlich sollte ich ihn fragen, ob er für mich dasselbe tun würde. Ob nicht eines Tages dieser Blog, meine Geschichte, meine Exzesse zu schwer auf seinem Leben lasten werden.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger