Stimmen wir für den Humor

Du bist’s, der spricht, ebensowohl wie ich, ich bin deine Zunge,
Gebunden in deinem Mund, fängt sie in meinem an sich zu lösen.
Walt Whitman

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Eine humoristische Figur namens ‚Mente Pollo’ (etwa: Spatzenhirn, Anm. d. Ü.) lässt uns jeden Mittwoch schallend lachen. Zur Hauptsendezeit des Fernsehsenders Cubavisión spricht der scharfsinnige „Professor“ das aus, was wir nur hinter vorgehaltener Hand flüstern. Er kann sich das sogar vor laufenden Kameras leisten, denn Witze und Anspielungen beschützen ihn. Dennoch, manchmal ist seine Kritik so klar und deutlich, dass wir uns schließlich Sorgen machen um den Schauspieler, der diesen Charakter verkörpert. Wir sind dankbar, dass er unseren absurden Alltag als Witz darstellt, und dass er sich traut, das klar auszusprechen, was unsere Parlamentarier in ihren Sitzungen nicht benennen können. So wurde ‚Mente Pollo’ schließlich zur einzigen Person, die meine Wünsche und Forderungen öffentlich ausspricht. Lässt sich Kritik vielleicht in heiterer Form viel effektiver verpacken?

Vergangenen Donnerstag haben gleich mehrere Freunde zu mir gesagt: „Sie sind kurz davor, die Sendung ‚Deja que te cuente’ (dt.: Lass mich dir erzählen) abzusetzen. Sie kritisieren sehr hart …“ Aber nicht doch, der ehrenwerte und weise Doktor Mente Pollo und seine Kollegen illustrieren in der Sprache des Humors lediglich das, was wir täglich bei vollem Ernst aussprechen. So sagte er zum Beispiel bei seinem vorletzten Auftritt voraus, dass künftige Archäologen völlig überfordert sein werden, wenn sie aus den Überresten eines Hähnchens dieser Tage das Tier wieder rekonstruieren wollen: Denn egal ob auf dem rationierten Markt mit Bezugsscheinheft oder für Devisen, nie hat es eine Hähnchenbrust.

Sei’s drum, selbst wenn sie als Unterhaltungssendungen daherkommen, sagen die Sendungen von Mente Pollo, Lindoro Incapaz, Taller Rosca Izquierda und Pipo Pérez mehr über unsere Wirklichkeit und unsere Zweifel aus als die Hauptnachrichtensendung ‚Noticiero Nacional’, die ‚Runden Tische’ und die ganzen Analysten im Fernsehen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Parallelwelten

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17:00 Uhr
Ich stehe am Eingang des Café Cantante des Teatro Nacional. Das Programm interessiert mich eher weniger, ich begleite eine Freundin, die regelrecht tanzversessen ist.

17.27 Uhr
Der Mann am Einlass fragt uns, zu welcher Institution wir gehören; die Tische für Einheimische sind nämlich für eine Gruppe ausgezeichneter Buchprüfer reserviert. Ich erkläre ihm, dass es sich bei uns um „Unabhängige“ handelt, und anstatt deswegen Probleme zu machen, lacht er lauthals. Und lässt uns hinein.

18:10 Uhr
Auf einer Leinwand werden US-amerikanische Videoclips gezeigt, während an der Bar verschiedene Biersorten, Rum und Erfrischungsgetränke für Pesos Convertibles angeboten werden. Meine Freundin und ich werden von einigen jungen Männern in hautenger Kleidung umringt und lasziv angetanzt. Als sie hören, dass wir „kubanisch” sprechen, weichen sie wie aufgescheucht von uns und gehen woanders hin.

19:00 Uhr
Weiterhin Musik vom Band. Anscheinend will die Band nicht spielen, oder es sind noch nicht alle Mitglieder da. Die jungen Männer neben uns wackeln jetzt vor drei Spanierinnen herum, die wiederum erkennen lassen, dass sie Interesse an ihnen haben. Jeder von ihnen trägt irgendetwas Weißes, um damit – im Diskolicht – besonders aufzufallen

19:40 Uhr
Es hat sich niemand mehr unserem Tisch genähert. Eigentlich erstaunlich bei zwei unbegleiteten Frauen in einem Club, aber anscheinend hängen Annäherungsversuche von der Nationalität ab.

20:20 Uhr
Keinerlei Stimmung hier in meiner Umgebung: Jugendliche, die doppelt so alten Damen schöne Blicke zuwerfen, Markenkleidung und Glimmer überall und viel Getue um jeden Ausländer, der hereinkommt. All das lässt mich an die Parolen von Ernsthaftigkeit, Linientreue und Disziplin denken, die „draußen” gelten.

20:40 Uhr
Gleich wird geschlossen, und mir wird klar, dass spätestens an der nächsten Straßenkreuzung, vor den unzähligen Ministerien dieser Gegend, ich das Gefühl nicht werde loswerden können, in zwei parallelen Welten zu leben, die sich gegenseitig ausschließen.

21:00 Uhr
Beim Verlassen des Cafés bemerke ich, dass die weiß gekleideten jungen Männer mit den Damen weggehen, die mit diesem „spanischen Akzent“ sprechen. Auf dem Heimweg komme ich an einem riesigen Transparent des Staatsrates vorbei, auf dem ein Satz von Martí prangt: „In jedem Augenblick muss man das tun, was der Augenblick erfordert.”

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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Flügel und Anker

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Haus- oder Wohnungseigentümer zu sein, ist nicht unbedingt Anlass zu immerwährender Freude. Wenn Ihnen das Haus gehört, Sie aber weder die Mittel haben, es instand zu halten, noch Pesos Convertibles, um die für das Haus notwendige Farbe, den Zement oder die Fliesen zu kaufen, dann sind Sie eher der Besitzer eines Problems in Form von Wohneigentum. Obwohl natürlich viele, vor allem jene die an den Rändern dieser Stadt ohne irgendeine legale Absicherung in schnell zusammengezimmerten Hütten leben, davon träumen, dass sie sich einmal mit solchen „Problemchen“ herumschlagen müssten.

Mit der Zeit stellen Sie fest, dass die Fassade bröckelt, dass es nicht mehr sicher ist, sich auf dem Balkon aufzuhalten oder dass durch die Stöße der Wassereimer die Treppenstufen in lauter Teile zerbrochen sind. All dies erleidet man wegen dieser eigenartigen Doppelrolle als Eigentümer und Enteigneter. Letzteres deshalb, weil die Bestimmungen, Verbote und Beschränkungen für Ihr Eigentum so zahlreich sind, dass Sie den Eindruck haben, Sie müssten für alles eine Genehmigung einholen, was mit ihrer Wohnung zu tun hat.

Dieses Heim, in das Sie viele Stunden Arbeit gesteckt, Ihre finanziellen Mittel investiert oder dessentwegen Sie sogar die morbide Hoffnung auf den Tod eines Familienangehörigen gehegt hatten, um ihn beerben zu können, ist Ihnen „Flügel“ und „Anker“ zugleich. Es erlaubt Ihnen, Freunde nach Hause einzuladen und gemeinsam Zeit unter Ihrem eigenen Dach zu verbringen, aber Sie können es nicht einfach so jemandem überlassen, wenn Sie das möchten. Und falls Sie an eine kleine „Auszeit“ im Ausland denken: Die Alarmglocken einer drohenden Konfiszierung lassen Sie – spätestens nach elf Monaten – aus Ihren Reiseträumen erwachen. Es scheint, als ob Wohneigentum nicht nur Heim und Zuflucht ist, sondern auch ein Klotz am Bein.

Daher spielen Sie mit dem Gedanken, in die Vermietung an Ausländer einzusteigen und auf diese Weise den Verfall zu stoppen, der schon überall zu sehen ist – doch seit Jahren werden für diese Aktivitäten keine neuen Genehmigungen mehr erteilt. Also beschließen Sie, Ihr Wohneigentum einzutauschen, gegen etwas Kleineres, das besser erhalten ist. Doch ein freundschaftlicher Ratschlag macht Sie darauf aufmerksam, dass die staatliche Wohnungsbehörde Sie sogar enteignen könnte, wenn sie davon Wind bekommt, dass Sie bei diesem Tausch dafür Geld erhalten, dass Sie sich verkleinern.

Kurz und gut, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden, dass Ihnen Ihr Wohneigentum bald auf den Kopf fallen wird. Immerhin, Sie besitzen wenigstens die Eigentumsurkunde und können sich damit Luft zufächeln, während Sie dem Verfall zusehen!

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Von dort oben

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Eine neue Buslinie zieht seit einigen Wochen in Havannas Straßen ihre Kreise. In einem leuchtenden Rot gehalten und versehen mit großen Reklameschriftzügen und einem ungewöhnlichen Oberdeck, bewegt sich dieses neue „Raumschiff“ auf einer Rundfahrt durch die Hauptverkehrsadern der Stadt, die fünf Peso Convertible kostet.
Seine Passagiere sind jene Touristen, die an einer kompakten Spazierfahrt zu den Hauptattraktionen unserer Metropole interessiert sind. Eine wundervolle Gelegenheit für all jene, die lieber vom Oberdeck aus betrachten, was man zu ebener Erde völlig anders wahrnimmt.

In der kräftigen Maisonne schmorend, drücken die Fahrgäste auf die Auslöser ihrer Kameras und sind dabei wohlbehütet vor kaputten Kanalabdeckungen, löcherigen Gehwegen und räudigen Hunden, aus denen sich meine eigene Stadtlandschaft zusammensetzt. Unterdessen betrachten wir den Doppeldeckerbus, als wäre er Werbeprospekten für Reisen nach New York oder Tokio entsprungen. Von den Sitzen „dort oben“ erzählen uns die glücklichen Gesichter der Passagiere von einem Havanna, das nur sie zu sehen scheinen. Ehrlich gesagt überrascht mich soviel Kurzsichtigkeit nicht, denn die Auswirkungen, die ein erfrischender Mojito auf die menschliche Wahrnehmung hat, sind bestens bekannt.

Während ich sie so auf ihrer rollenden Dachterrasse betrachte, fällt mir ein Nachbar ein, der mich einmal gefragt hatte: „Was ist der sichtbarste Unterschied zwischen einem Touristen und einem Kubaner?“ In meiner Naivität zählte ich Sonnenschutzcreme, Lonely-Planet-Reiseführer und Antimückenspray auf … aber nein. Die Antwort war viel nahe liegender: „Ein Tourist schaut ständig nach oben. Er ist völlig entzückt von der Architektur, den Kirchenfenstern, Torbögen und Säulen; wir Kubaner hingegen, wir halten beim Gehen aufmerksam nach Löchern Ausschau, die unseren Fußgelenken gefährlich werden könnten.“ Obwohl es sich hierbei um eine dieser klischeehaften Übertreibungen handelt, scheint mir doch, dass dieser Doppelstockbus den gleichen Weg nimmt wie der Witz meines Nachbarn. Von dort oben aus gesehen gibt es nichts mehr, was sich zwischen die Blicke der verblendeten Touristen und die mehr als ein Jahrhundert alten Bauwerke schieben könnte. Nicht einmal wir selbst – sozusagen als kleine Beigabe dieser Bühnendekoration – sind ein Störfaktor dabei, dass sie sich an dem erfreuen, was sich über unseren Köpfen abspielt.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Ein bisschen Ordnung … jedoch keine Zensur

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Angesichts des Umfangs und der Bedeutung, den die Kommentare in diesem Blog erreicht haben, ist es an der Zeit, für deren Veröffentlichung Regeln aufzustellen, damit sie nicht in Beleidigungen, verbale Gewalt und persönliche Angriffe ausarten. Um einer konstruktiven offenen Auseinandersetzung und einer respektvollen Debatte willen ist eine stärkere Moderation von Generation Y notwendig geworden.

Die bekannten Probleme, die wir kubanischen Staatsbürger beim Zugang zum „Netz aller Netze“ haben, erlauben mir nicht, meine Funktion als „moderierender Schiedsrichter“ zwischen den Debattierenden wahrzunehmen. Deshalb habe ich eine Gruppe von Mitarbeitenden ins Leben gerufen, die – ohne dafür auf irgendeine Weise entlohnt zu werden, ohne selbst an der Debatte teilzunehmen und ohne thematische Einflussnahme – für die Einhaltung der folgenden Regeln sorgen wird:

- Kommentare, die Beleidigungen irgendeiner Person enthalten, zu Gewalt aufrufen oder Gewalt verherrlichen, werden gelöscht.
- Kommentare, die mehr als zwei Links enthalten, werden zurückgehalten bis die dort empfohlenen Internetseiten überprüft worden sind. Auf diese Weise wird die Unmenge von Spam eingedämmt, die uns in den vergangenen Wochen erreicht hat.
- Die Filter von WordPress werden automatisch alle Einträge löschen, in denen Obszönitäten enthalten sind, mehrmals eingestellte Texte werden ebenfalls entfernt.
- Wer zum Argumentieren ein Dokument einstellen möchte, sollte am besten lediglich den Link zur entsprechenden Internetseite und eine kurze Beschreibung der zum Link gehörenden Seite im Kommentar hinterlassen. Alle Links werden überprüft, und wenn der Inhalt mit der Beschreibung nicht übereinstimmt, werden sie gelöscht. Besonders lange Dokumente werden durch ihren Link ersetzt. Gleichzeitig wird in Erwägung gezogen, die maximal erlaubte Zeichenzahl pro Kommentar herabzusetzen.
- TeilnehmerInnen, die den Namen anderer TeilnehmerInnen für ihre eigenen Einträge verwenden, werden gesperrt.
- Kommentare, die nicht das lateinische Alphabet verwenden, können nicht veröffentlicht werden.
- Es wird eindringlich darum gebeten, keine Kommentare einzufügen, die nur aus Großbuchstaben bestehen, da so etwas als Schreien oder Brüllen verstanden wird.

Diejenigen, die dieses Diskussionsforum regelmäßig nutzen, werden feststellen, dass die neuen Regeln dazu beitragen, dass Niveau der Debatten zu heben. Die Boykotteure und die Jungens der „Brigada de Respuesta Cibernética“ (In etwa: Internet-Eingreiftruppe, gemeint ist eine vermeintlich vom kubanischen Staat aufgestellte Gruppe von Informatik-Studierenden, die missliebige Seiten sperren oder darauf Kommentare abgeben, Anm. d. Ü.) werden nicht gerade begeistert sein … aber schließlich kann man es nicht allen recht machen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Hinweis in eigener Sache der AdministratorInnen der deutschsprachigen Seite des Blogs:

Alle Kommentare, die nicht in deutscher Sprache geschrieben sind, werden von dieser Seite gelöscht, um allen, die kein Spanisch verstehen, ebenfalls die Teilnahme an der Diskussion im Blog zu ermöglichen. Für spanischsprachige Kommentare steht weiterhin die spanischsprachige Seite des Blogs zur Verfügung.

Neue Preiserhöhungen

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Vor einem halben Monat haben sie Martas spärliche Pension um 35 kubanische Pesos erhöht. Als sie am Bankschalter anstand, um den monatlichen Rentenscheck einzulösen, warnte sie eine Freundin: „Freu dich nicht zu früh, denn jetzt steigen auch die Preise!“ Doch weil unsere Straßen voll von Pessimisten und Miesmachern zu sein scheinen, glaubte sie der alarmierenden Prophezeiung nicht. Ein Riesenfehler, denn als sie am darauf folgenden Samstag ihre Einkäufe machte, bemerkte sie, dass sie in den Devisengeschäften plötzlich mehr Geld benötigte, um Grundnahrungsmittel einzukaufen.

Mit ihren 62 Jahren bringt Marta so gut wie nichts mehr aus der Fassung. Trotzdem bekam sie einen gewaltigen Schreck, als eine Flasche Öl, die früher 1,90 CUC gekostet hatte – ungefähr 45 Pesos Cubanos – jetzt mit 2,30 CUC ausgezeichnet war. An eine offizielle Bekanntmachung über eine Preiserhöhung konnte sie sich nicht erinnern und sie hätte schwören können, dass die Mehrheit mit dem genauen Gegenteil gerechnet hatte. Stattdessen reicht ihr die „großzügige“ Erhöhung der Rente gerade mal dafür, ein Päckchen Suppenkonzentrat zu kaufen und ein Paket mit 300g Waschpulver. Letzteres findet man jetzt nur für 1,30 CUC. Damit kostet es ungefähr 30% mehr als noch in der letzten Woche.

Schweren Herzens wird sie ihrer Freundin beim nächsten Zusammentreffen Recht geben müssen. Und ihr bestätigen, dass es ganz den Anschein hat, dass den Löhnerhöhungen – eine gewisse Zeit später – die entsprechenden Preiserhöhungen nachfolgen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger