Steckbrief

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Heute bin ich mit Halsschmerzen aufgewacht. Schuld hat der kalte Wind, der am Malecón blies, während ich dort am Abend mit einem Freund saß. Wir haben über eine Stunde lang diskutiert – in der wir die Welt und die Insel verbessert haben – ohne zu merken, dass es immer kälter wurde. So bin ich also heute früh erkältet aufgewacht und mein Körper verlangte nach einem Tee mit Zitrone.

Mit diesem Imperativ ging ich zum nächsten Agro-Markt und erkundigte mich nach der grünen Zitrusfrucht meines Verlangens. Einer der Verkäufer erklärte mir: “Limonen gibt es nirgendwo, kauf’ Dir besser eine Guave.” Ich lies mich nicht überzeugen und überließ mich meiner Laune nach einer heißen Zitrone mit einem Schuss schwarzen Tee. Also lief ich bis nach Alt-Havanna, nur um in mehreren Agro-Märkten festzustellen, dass es auch dort keine Zitronen gab. Die Mandeln taten mir weh und ich war an dem Punkt einzulenken, ob es nicht besser wäre eine Tablette Vitamin C zu schlucken. Doch die Dickschädligkeit, die ich in den Genen habe, ließ mich darauf bestehen, die menschenscheue Frucht zu finden.

Gegen zwei Uhr nachmittags gab ich mich geschlagen. Die starken Halsschmerzen ließen mich kaum noch schlucken, waren jedoch nichts im Vergleich zur Verärgerung, die mir das “Verschwinden” der Zitronen bereitete. Die nutzlose Suche hat mir ein längeres Unwohlsein bereitet als die Grippesymptome selbst. Sie hat mir ein paar stechende Fragen hinterlassen: Wie kann das sein, dass so viel fruchtbare Erde, so viele Menschen willens zu produzieren, zu handeln und zu verkaufen sich nicht mit einem reichlichen Angebot an Zitronen auf dem Markt kombinieren lassen? Warum ist der Marabu noch immer der “König der kubanischen Felder”? (Unternehmt nur mal eine Reise auf der Straße Richtung Pinar del Rio und ihr werdet ihn sehen.) Währenddessen gehen die Orangen, Mandarinen und – gar nicht erst davon zu reden – die Grapefruit ins Reich des Exotischen ein? Wann wird der Boden denen gehören, die ihn bearbeiten und nicht einem Staat, der ihn nur halbherzig in seinen verwahrlosten Latifundien benutzt? Soll ich weiter hoffen oder mich damit begnügen und den Geschmack von Zitronen vergessen?

Die Könige zu Fuß

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Im letzten Jahr kritisierten die kubanischen Zeitungen stark die Wiedergeburt der Tradition des Konsums zum Dreikönigsfest. Sie beschrieben die Menschenmengen, die tagelang die Spielzeugläden für konvertierbare Pesos verstopften und griffen die soziale Ungleichheit an, die solche Praktiken hervorbringen. Die Lösung, die die Behörden für Januar gefunden haben, um die “übermäßigen Ausgaben” und die Konsumprahlerei zu verhindern, ist, dieses Jahr keine neuen und interessanten Spielzeuge auszuliefern. Die Eltern haben trotzdem eingekauft und die Regale mit Wasserpistolen und Schwertern “Made in China” geleert.

Für mich, geboren in den Siebzigern, kamen die Könige auf andere Art. Sie kamen im Juli und hießen nicht Melchior, Caspar und Balthasar, sondern waren für uns drei Kategorien von möglichen Spielzeugen, zu kaufen auf dem rationierten Markt: Die wesentlichen, die unwesentlichen und die Ersatzspielzeuge. Meine Mutter nahm uns schon am frühen Morgen des Vortages mit um Schlange zu stehen. Das Warten war ein langer Prozess der Frustration, wenn wir sahen wie die schönsten Puppen bald ausverkauft waren und – als wir endlich am Tresen angelangt waren – mit einem Tischler-Set oder einem Besen oder einem Federbusch aus Plastik von dannen ziehen mussten. Ungeachtet dessen nannten wir es weiterhin “Den Tag der heiligen drei Könige” und wenn ich ihn mir Wochen später heraufbeschwor, besann ich mich auf den Schlitten, vergegenwärtigte mir die Kamele und stellte mir ihre Kronen vor.

Die Traditionen haben die Fähigkeit sich zu ducken wenn sie verboten sind. Sie verwandeln sich in einen Mythos und die Eltern übermitteln sie ihren Kindern mit leiser Stimme. Nichts ist so absurd wie der Versuch auslöschen zu wollen, was einen märchenhaften Teil des Inventars einer Gesellschaft ausmacht. Deshalb habe ich mir heute, zwanzig Jahre nach meinem letzten Geschenk auf Zuteilung mir eine Schokolade geschenkt. Sie hatte immer noch diesen Geruch nach Wüste, nach Krippe und nach Baby.

Blogger Plattform

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Macht Euch keine Sorgen, wenn ich für ein paar Tage nicht im Cyberspace bin. Ich bin gerade dabei einen Blogservice aufzubauen, damit Leute aus Kuba ihre eigenen Posts schreiben können. Wollen wir doch mal sehen, wer von den Verrückten mitmachen will… Bis jetzt habe ich sieben Leute überzeugt…

Die Themen werden unterschiedlich sein. Kultur, Gesellschaft, Persönliches, so wie das, was ich hier gerade mache. Die Kommentare: offen und demokratisch, sogar für die, die ihre Beschimpfungen los werden wollen. Die Ziele: die Vielfältigkeit, die Meinungsäußerung und die Therapie zu sagen was man denkt. Klingt doch gut, oder?

Meine Beschränkungen

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Freunde, trotz der Ratschläge von einigen ziehe ich es vor, die Diskussionen, die meine Posts erzeugen, innerhalb von “Generation Y” zu belassen. Ich danke denen, die ein Diskussionsforum in Yahoo geschaffen haben, um diesen Blog von den übermäßig vielen Kommentaren zu erleichtern. Aber mein Zugang zum Internet ist so kompliziert, dass es mir sehr hilft, all die Meinungen auf dieser Seite versammelt zu haben und nicht verstreut auf vielen Seiten, die ich nicht lesen kann.

Nach den vielen eindringlichen Hilfsvorschlägen – die immer willkommen sind – werde ich einen Pay Pal Button auf der Seite installieren. Das wird aber erst gegen Ende Januar soweit sein. Ihr wisst ja, mein Internet funktioniert in Zeitlupe.

Ich kann mich nicht ständig über diese oder jene Frage äußern, kaum reichen mir die Minuten im Netz, um die Ratschläge aufzunehmen, die Ihr mir hinterlasst. Deshalb denke ich nicht daran, den “Richter und Schiedsrichter” zu den Kommentaren zu geben. Auf jeden Fall möchte ich einen Satz von Diego, dem Helden aus “Erdbeer und Schokolade” wiedergeben: Verhalten Sie sich richtig, und Sie werden sich falsch verhalten, sie warten auf mich…”

Ein Tag ohne Schwarzmarkt

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Ich versuche, mir unglaubliche 24 Stunden vorzustellen, in denen ich nicht auf den irregulären Markt zurückgreifen muss. Wie wäre denn ein Tag ohne die Milch von den Leuten, die an meine Tür klopfen und uns die fehlenden Milchprodukte ersetzen, die uns, die wir über 7 und unter 75 Jahre alt sind, auf dem rationierten Markt nicht zustehen? Ich kann mir keine Zeit vorstellen, in der ich nicht in den Schwarzen Markt eintauche, um Eier, Öl oder Tomatensauce zu kaufen. Sogar um ein Tütchen Erdnüsse zu erstehen, muss ich die Linie zur Illegalität überschreiten.

Wenn ich irgendwo hin muss, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich mich in ein Taxi ohne Lizenz setze. Gar nicht erst zu reden von den vielen Underground-Arbeitern, die ich herbeirufen muss, wenn die Waschmaschine kaputt ist, der Gasherd verstopft oder die Dusche nicht mehr funktioniert. Sie alle dort – im Schatten – stützen mich Tag für Tag und ersetzen den begrenzten Service, den der Staat anbietet.

Sogar die Zeitung muss ich mit Preiszuschlag von den Alten, – die seit dem Morgengrauen unterwegs sind – erstehen. Sie kaufen alle Exemplare von “Granma” und “Juventud Rebelde” auf, um sie dann weiter zu verkaufen und so ihre dürftige Rente aufzubessern. Nicht zu reden von den “unaussprechlichen” Sachen, die uns der Schwarzmarkt anbietet und den “zahllosen” Sesam-öffne-Dich, die uns ein Geldschein verschafft, wenn er in die richtige Hand hinüber gleitet. Das Erstaunlichste aber ist die unbegrenzte Fähigkeit zur Regeneration, – die die irregulären Verkäufer – nach einer der häufigen Razzien gegen sie beweisen.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, ich jedenfalls kann keinen Tag ohne Schwarzmarkt leben.

Der Wunschbaum

Die Leute kommen schon vor sieben Uhr morgens. Es gibt von allen etwas: Enttäuschte, Betrogene, sogar Provokateure. Sie warten unter einem Baum – vielleicht ist es ein tropischen Flamboyant Baum – an einer Seite des Zentralkomitees. Sie sind dort, weil sie ihre Briefe abgeben wollen, ihre Bitten wiederholen oder um – zum x-sten Mal – zu sehen, ob ihr Flehen etwas bewirkt. Einige, so oft hier, können schon die Zeichen des Soldaten deuten, dass sie passieren können. Am Posten geben sie ihren Personalausweis ab und drinnen – hinter Panzerglas – nimmt ein Mann ihre Schreiben an und stellt eine Quittung dafür aus.

Die “höchste Instanz” anzurufen ist die Hoffnung aller, die dort ausharren. Viele von ihnen sind hunderte Kilometer gereist, um die letzte Möglichkeit auszuschöpfen. Sie glauben, dass wenn die “hohen Führer” ihre Probleme kennen würden, diese sich in Kürze auflösen. Unter dem “Wunschbaum” ist es normal Sätze zu hören wie: “Das ist mir passiert, weil Fidel nichts davon weiß. Wenn er davon erfährt, wird es sich sicher lösen lassen.” Mit ähnlichen Utopien warten sie alle in das Gebäude gerufen zu werden.

Die Frau in der roten Hose ist hier, weil ihr Haus vor Jahren zusammengefallen ist und sie in einer Herberge lebt; der Alte – mit der brüchigen Stimme – fordert eine Rente, die ihm zwischen Bürokratie und Nachlässigkeit verschollen ist; ein Mädchen versichert das ihr Verlobter unschuldig im Gefängnis sitzt. Dazu hockt ein Mann im Gras der aussieht, als wenn er – wie ich – zu den Ungläubigen gehört. Die Szenerie wiederholt sich jeden Morgen von Montag bis Freitag. Manchmal steigern sich die Forderungen im Ton, die Mütter bringen ihre Kinder mit, um in der Gruppe zu flehen und jemand ruft “Herrschaften, seien Sie doch ruhig und warten Sie, sonst werden Sie gar nichts erreichen”.

Auf dem Heimweg sehe ich den Wunschbaum, wie er seinen Schatten jeden Tag auf mehr und mehr Leute wirft. Jeden Tag gebeugter unter der Last der Probleme.

Rote Chronik oder “die Stadt ist schon nicht mehr meine…”

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Ungefähr ein Dutzend Jugendliche haben meinen Freund Gerardo und dessen Freundin in einer Nacht Anfang Dezember angegriffen. Sie gingen durch die Belascoín Straße als die Meute – die aus einem Konzert aus einem nahe gelegenen Park kam – sie aufhielt. Der Rucksack meines Freundes war die größte Versuchung und die Schultertasche von Elena schien ihnen gute Beute. Sie haben sie mehrere Meter mitgeschleift, um sie zu “überreden” die Tasche loszulassen, während Gerardo versuchte, bei unerschrockenen Passanten und Leuten an der Bushaltestelle Hilfe zu holen. Niemand half ihnen oder rief die Polizei. Abgewandte Gesichter überall, während sie von den Angreifern verfolgt rannten.

Am Ende konnten sie sich – Dank des Wächters – am Haus der Freimaurer in der Carlos III. Straße retten. Als die Polizei kam, war Elena nur noch ein Nervenbündel und ihre Tasche war weg. Sie haben keinen der Typen gefunden waren aber mehrere Stunden auf der Polizeistation, um – immer und immer wieder – ihre Geschichte zu erzählen. Die Behörden erklärten ihnen es sei eine Verrücktheit in dieser Gegend – im schlecht beleuchteten Zentrum – spazieren zu gehen. Währenddessen begannen die Schläge, die sie bekommen hatte schon blaue Flecken zu werden.

Die ganze Geschichte erinnert mich an ein Lied von Carlos Varela: “auch wenn sie kein Geld bei Dir finden / sie lassen Dich auf der Straße liegen / und trotz der Schreie, des Blutes und Gott / kommt keine Polizei, nein, nein / Die Stadt ist nicht mehr dieselbe… nein, nein”.