Was wir von Lope Vega lernten

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Ein Freund, der mich zum ersten Mal auf Kuba besuchte, fragte mich, warum die Regierung es nicht schaffte, der illegalen Verbreitung der audiovisuellen Medienpakete ein Ende zu bereiten. „Man müsste doch nur herausfinden, wer sie produziert und vermarktet, um das Ganze zu stoppen“, mutmaßte der junge Mann. Daraufhin rief ich ihm Lope Vegas Werk Das Dorf von Fuenteovejuna in Erinnerung. In drei Akten erzählt der bedeutende Dramaturg wie sich ein Dorf gegen den Machtmissbrauch aufbegehrt. Die Dorfbewohner schließen sich angesichts der Ungerechtigkeit zusammen und nehmen gemeinsam die Schuld des Mordes an dem Tyrannen auf sich. „Wer hat den Komtur umgebracht? Fuenteovejuna, Herr.“ Dies lehrte uns das Theater des goldenen Zeitalter Spaniens und wir haben es in die Tat umgesetzt – zumindest bei der  Zusammenstellung und Verbreitung von Programmen, Dokumentarfilmen und anderen digitalen Medien.

Jener Freund lauschte meiner Erklärung ungläubig, also gab ich ihm ein konkreteres Beispiel: Vor einigen Monaten reiste ich nach Spanien, um an einer Technologieveranstaltung teilzunehmen. Bevor mich meine Familie und Freunde verabschiedeten, baten mich einige, ihnen gewisse Dinge mitzubringen, wie es in einem Land mit so schlechter Versorgung üblich ist. Im Vergleich zu früher, als man mit einer Menge Schuhsohlenschablonen und Kleidergrößen abreiste, fielen die Bestellungen dieses Mal ganz anders aus. Der Nachbar aus dem dritten Stock wollte eine Aktualisierung des Antivirusprogramms Avast und den Download eines Buchhaltungskurses für Kleinunternehmen. Zwei Cousins „bestellten“ bei mir ein Videospiel –  samt aller Updates. Und der Mann meiner Nichte wollte einige Industrie-Design-Fachzeitschriften in PDF; und fast alle waren sich einig darin, dass es ganz toll wäre, eine Offline-Kopie der kubanischen Anzeigenplattform Revolico zu bekommen.

Die Liste der Dinge, die ich mitbringen sollte, schien mir äußerst aufschlussreich. Sie reichte von Seife und Deos – die man zu dieser Zeit nicht in den Geschäften erhielt – bis hin zu Drivern für den Laptop eines Bekannten, der seine Installations-CD verloren hatte. Der Süßigkeitenverkäufer an der Ecke bat mich um eine digitale Konditorwaren-Enzyklopädie, und ein Freund, der gerade seinen Führerschein macht, wollte einen Simulator für seinen PC. Eine Kollegin, die als Fotografin tätig ist, reihte sich in die Liste ein, damit ich ihr Fotobearbeitungs-Apps von Android herunterlade, und eine Verwandte, die Englisch lernt, wollte von mir sämtliche Kapitel eines Podcasts um zu üben.

Die zwei Nächte, die ich in Granada verbrachte, habe ich nur wenige Stunden geschlafen, da die Liste der Programme, die ich auch aus dem Internet herunterladen musste, ellenlang war. Ich nutzte die Internetverbindung und lud um die 50 TED-Konferenzen herunter und wollte so ein wenig von dem frischen Wind dieser kreativen Köpfe und dieser Menschen, die Dinge in Angriff nehmen, mit auf die Insel bringen. Dann benannte ich einige Dateien um, damit ich sie in den unzähligen Ordnern mit den Bestellungen leichter wieder finden konnte, und kehrte zurück nach Havanna. Die „Lieferung“ erledigte ich in weniger als 48 Stunden, selbst das Pilatesvideo für den Fitnessstudiobetreiber um die Ecke und die digitale Fotogalerie für einen Uni-Professor, der dringend Bilder ägyptischer Kunst brauchte, erreichte seine „Kunden“. Alle waren mit dem Service zufrieden.

Es vergingen mehrere Wochen, als ich dann eines Tages die neueste Aktualisierung des Medienpakets erhielt, das gerade in Umlauf war. Zu meiner Überraschung waren es genau dieselben TEDtalk-Konferenzen, die ich damals heruntergeladen und anschließend umbenannt hatte. Und so wurde mir bestätigt, dass wir alle – auf die ein oder andere Art und Weise – ein Teil dieser alternativen Programm-Auswahl sind, die von einem zum Nächsten wandert, und unseren Beitrag leisten.

Der arme Komtur, er weiß schon: auch bei dem Paket wird es heißen “Alle für Einen, Herr“, so wie Lope de Vega uns lehrte.

Übersetzung: Katrin Vallet

Schulgeldfreiheit?

Erstklässler (14ymedio)

Erstklässler (14ymedio)

Die Schulklingel läutet und die Kinder betreten, gefolgt von ihren Eltern, das Klassenzimmer. Am ersten Schultag sind einige außer sich vor Freude und andere vergießen ein paar Tränen, weil sie ihre gewohnte Umgebung vermissen. So ging es auch Carla, die gerade mit der Vorschule im Stadtviertel El Cerro angefangen hat. Das Mädchen hat Glück, weil es eine Lehrerin bekommen hat, die seit mehreren Jahren an der Grundschule unterrichtet und daher den Lehrstoff gut beherrscht, den sie vermitteln soll. „Was für ein Glück!“, dachten die Familienangehörigen der Kleinen bevor eine andere Mutter sie warnte: „Die Lehrerin ist mit Vorsicht zu genießen. Sie verlangt von jedem ihrer Schüler einen Teil des Pausenbrotes, das sie von zu Hause mitbringen.“

Am Abend jenes 1. Septembers fand die erste Elternversammlung statt. Nachdem sich alle vorgestellt hatten und die Eltern willkommen geheißen wurden, zählte die Lehrerin alles auf, was man für das Klassenzimmer noch kaufen müsse. „Wir müssen Geld für einen Ventilator sammeln“, sagte sie ohne rot zu werden. Da Carla unter der Hitze am Morgen schon sehr gelitten hatte, zahlte ihre Mutter die drei konvertiblen Pesos (CUC), die dafür gedacht waren, dass ihre Tochter während des Unterrichts etwas Erfrischung bekäme. „Außerdem brauchen wir für die Reinigung einen Besen und einen Lappen, drei Energiesparlampen und einen Mülleimer.“, ließ die Vertretungslehrerin verlauten.

Die Liste der benötigten Objekte wurde immer länger. Als nächstes kam ein Desinfektionsmittel für das WC hinzu, „weil wir ja nicht wollen, dass sich hier jemand die Pest holt!“, sagte die Lehrerin. Die gewünschten Ausgaben wuchsen immer weiter an. Als nächstes kam ein Schloss hinzu, „damit die Sachen nicht gestohlen werden, wenn niemand in der Schule ist.“ Für einen neuen Anstrich der Tafel bot ein Vater grüne Farbe an und ein anderer versprach, die Scharniere an der Tür zu reparieren, weil diese an einer Seite herunterhing. „Ich rate Ihnen, dass Sie die Hefte für die Kinder auf der Straße kaufen, weil die, die wir heuer bekommen haben, Seiten dünn wie Zwiebelschalen haben und daher schon reißen, wenn man etwas wegradiert.“, fügte die Lehrerin hinzu.

Am Ende des Elternabends kam die Familie von Carla auf die stolze Summe von 250 kubanischen Pesos für die Bildung ihrer Tochter. Das entspricht der Hälfte des monatlichen Gehalts des Vaters als Chemieingenieur. Dann betrat die Direktorin den Raum und wiederholte mit Nachdruck: „Wenn jemand einen Schreiner kennt und ihn engagieren will, damit er den Tisch seines Kindes im Klassenzimmer repariert, dann steht dem nichts im Wege.“

 Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Wer sind die Neuankömmlinge an unseren Universitäten?

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Die neuen Studenten (14ymedio)

Sie wurden inmitten der Sonderperiode geboren, lebten gefangen in diesem System zweier Währungen und wenn sie ihren Titel erhalten, wird Raúl Castro nicht mehr an der Macht sein. Ich spreche von den mehr als hunderttausend Heranwachsenden, die nun ein Studium angefangen haben. In ihrem kurzen Lebenslauf liest man von Erziehungsexperimenten, dem Ringen um Ideen und der Invasion neuer Technologien. Sie wissen mehr über X-Men als über Elpidio Valdés und können sich an Fidel Castro nur in Form von alten Bildern und längst archivierten Dokumentation erinnern.

Sie sind die Generation des Wi-Fi und der gehackten Netze, aufgewachsen mit den audiovisuellen Medien und der illegalen Satellitenschüssel. Manchmal verbringen sie die frühen Morgenstunden online, mit Strategievideospielen, in denen man sich so mächtig und frei fühlt. Wer versucht sie kennenzulernen, sollte wissen, dass sie von der Grundschule an von den sogenannten maestros emergentes, Studenten ohne entsprechende Ausbildung die als Lehrer eingesetzt werden, unterrichtet wurden und dass sie den Grammatik-, Mathematik- und Ideologieunterricht über einen Fernsehbildschirm erhalten haben. Trotzdem sind sie nicht zu ideologietreuen Kubanern herangewachsen, sondern zu weltoffenen Bürgern mit einer größeren Zukunftsversion.

Als sie in die secundaria básica* kamen, spielten sie mit dem Brot des ihnen vorgesetzten Essens, und warfen es durch die Gegend, während ihre Eltern ihnen heimlich das Pausenbrot durch den Schulzaun reichten. Sie haben eine besondere Eigenschaft entwickelt, eine Anpassung, die ihnen hilft in ihrer Umgebung zu „überleben“: Sie hören nichts, was sie nicht interessiert. Sie stellen sich bei den Ansprachen in den Morgennachrichten und der Politiker einfach taub. Sie wirken viel gleichgültiger als andere Generationen und sie sind es auch, aber in ihrem Fall ist diese Apathie ein evolutionärer Vorteil. Sie sind besser als wir und sie werden in einem Land leben, das nichts mit dem zu tun hat, das man uns versprochen hatte.

Sie wirken viel gleichgültiger als andere Generationen und sie sind es auch, aber in ihrem Fall ist diese Apathie ein evolutionärer Vorteil.

 Vor ein paar Monaten waren genau diese Heranwachsenden die Protagonisten des größten schulischen Betrugsskandals, der öffentlich bekannt wurde. Wer schließt schon aus, dass es unter denjeniegen, die es an die Universitäten geschafft haben, ein paar dabei waren, die die Antworten einer Aufnahmeprüfung gekauft haben. Sie sind daran gewöhnt für das Bestehen der Prüfungen zu bezahlen, denn sie müssten sich an „Nachhilfelehrer“ wenden, damit diese ihnen beibringen was sie eigentlich in der Schule hätten lernen sollen. Viele von den frisch eingschriebenen Studenten hatten seit der Grundschule privaten Nachhilfeunterricht. Sie sind die Kinder einer neu entstandenen Klasse, die ihre finanziellen Mittel ausschöpft, damit ihre Kinder – koste es was es wolle – einen Platz an der Universität erhalten.

Diese Jugendlichen trugen in der Schule zwar ihre Uniformen, aber sie kämpfen darum sich von der grauen Masse abzuheben, sei es durch die Länge eines Hemds, einen bunt gefärbten Pony oder durch eine Hose, die weit unter der Hüfte sitzt. Sie sind die Kinder  von Eltern, die in den 90er Jahren kaum einen Satz Unterwäsche besaßen und die, damit ihre Söhne und Töchter nicht dasselbe durchmachen müssen, auf den Schwarzmarkt zurückgreifen, um sie einkleiden zu können . Sie lachen über die falsche Nüchternheit und wollen nicht aussehen wie Rekruten. Stattdessen lieben sie intensive Farben, den Glanz und die Markenlabel.

Gestern, zu Beginn des neuen Studienjahres, erhielten sie einen Vortag über den Versuch des “Imperialismus, die Revolution mithilfe der Jugend zu untergraben“. Es war wie ein schwacher Regen, der an einer wasserfesten Oberfläche einfach abtropft. Die Regierung hat also einen guten Grund sich Sorgen zu machen, denn diese neuen Studenten werden weder gute Soldaten noch treue Anhänger sein. Der Ton aus dem sie gemacht sind ist nicht verformbar!

Anm. d. Übersetzerin:

* Die secundaria básica ist die Sekundarstufe und umschließt die Klassenstufen sieben bis neun.

Übersetzung: Anja Seelmann

Plastiktüten oder auch die Rente vieler

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Plastiktüten-Verkäuferin vor dem Markt in Havanna. (Luz Escobar)

„Ich brauche eine dunkle Brille.”, sagte mir Verónica eines Tages, als ich sie auf der Straße traf. Mit fast 70 Jahren musste sie sich vor ein paar Monaten wegen ihres Grauen Stars einer Operation unterziehen und sollte nun ihre „Augen schonen”, erklärte sie mir. Sie arbeitet in der Sonne, denn sie verkauft Plastiktüten, sogenannte Jabitas, an die Kunden des Frucht- und Gemüsemarktes in der Tulipanstraße. Das grelle Tageslicht um die Mittagszeit hat ihrem Sehvermögen geschadet; aber das ist nicht ihr größtes Problem. „Wir haben eine Art Warnsystem, um zu wissen wann die Polizei in der Nähe ist, manchmal überrascht sie uns aber dennoch in zivil.“ Vergangenen Monat zahlte sie eine Strafe von 1500 Pesos wegen unerlaubten Verkaufs, und diese Woche erhielt sie eine weitere Verwarnung.

Liest man Texte, wie den von Randy Alonso, über das Fehlen der Plastiktüten in den Geschäften, die den Peso Convertible* als Zahlungsmittel annehmen, so könnte man fast glauben, dass diese Ressourcen abgezweigt werden und dann in den Händen skrupelloser Händler landen. Allerdings genügt es schon, Veronica kennenzulernen, um zu begreifen, dass ihr Handel mehr dem Elend entspringt, als dem Profit. Nachdem sie 40 Jahre lang als Putzhilfe in einer Schule gearbeitet hatte, bekommt sie jetzt eine Rente von weniger als 10 Dollar im Monat. Ohne den Weiterverkauf der Jabitas müsste sie betteln gehen, aber sie versichert, dass „sie lieber sterben würde als in den Straßen um Geld zu betteln.“ Sie ist keine Schuldige, sondern ein Opfer der Lebensumstände, die sie in illegale Aktivitäten getrieben haben um zu überleben.

Die Waren in den Händen tragen zu müssen, weil es keine Tüten gibt, stört jeden Käufer. Aber es irritiert noch mehr, feststellen zu müssen, dass eine der großen Stimmen unseres aktuellen Systems die menschlichen Dramen verkennt, die dazu führen, dass Plastiktüten nach der Produktion auf einmal verschwinden. Es handelt sich nicht um gewissenlose Leute, die sich durch Unterschlagung am Staat bereichern, sondern um Bürger, deren finanzielle Armut sie dazu bringt, alles zu verkaufen, was ihnen in die Hände fällt. Verónica befindet sich gerade vor irgendeinem Geschäft, mit der alten, dunklen Brille, die man ihr schenkte, und flüstert: „Ich habe Plastiktüten, ich habe Plastiktüten, eine für 1 Peso“.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Weibliche Karikaturen

Eine trinkende Frau. (14ymedio)

Eine trinkende Frau. (14ymedio)

Im nationalen Fernsehen sagt eine Frau, dass ihr Mann ihr bei einigen Arbeiten im Haushalt “helfe”. Dieser Satz könnte für viele wie der größte Wunsch einer jeden Frau klingen. Eine andere Dame versichert, dass sich ihr Ehemann wie ein “föderierter Mann” verhalte, in Anspielung auf die Föderation kubanischer Frauen (FMC), die heute, am 23. August 2014, ihren 54. Gründungstag feiert. Ich dagegen, auf der anderen Seite des Bildschirms, empfinde nur Mitleid angesichts von so viel Sanftmut. Anstelle von dringenden Forderungen, die wir stellen sollten, höre ich nur Dankesworte, die sich an eine Macht richten, die ebenso männlich wie schwerhörig ist.

Es handelt sich nicht darum, beim Abwaschen eines Tellers zu “helfen” oder sich um die Kinder zu kümmern, und ebenso wenig um diesbezüglich illusorische “Frauenquoten“, hinter denen sich genauso viel Diskriminierung verbirgt, wie hinter einer Ohrfeige. Das Problem ist, dass die politische und wirtschaftliche Macht weiterhin mehrheitlich in männlicher Hand ist. Wie viel Prozent der Autobesitzer sind Frauen? Wie viele Landgüter haben eine Besitzerin oder eine Nutznießerin? Wie viele Botschafter in ausländischen Vertretungen tragen einen Rock? Kann mir jemand die Zahl der Männer nennen, die Vaterschaftsurlaub beantragt haben, um sich um ihre neugeborenen Kinder zu kümmern? Wie viele junge Frauen hält die Polizei täglich an, um sie zu verwarnen, dass sie auf der Straße nicht an der Seite eines Touristen gehen können? Wer nimmt in den meisten Fällen an Elternabenden in der Schule teil?

Bitte, versuchen Sie nicht uns damit um den Finger zu wickeln, “dass 65% unserer militärischen Kader und 50% unserer Gewerkschaftführer Frauen sind”. Das Einzige was diese Statistik zeigt, ist, dass auf unseren Schultern jetzt noch mehr Verantwortung lastet, was aber weder mehr Entscheidungsbefugnisse bedeutet, noch weitergehende Rechte. Bei dem obigen euphorischen Satz wissen wir wenigstens, dass er von “Gewerkschaftsführern” stammt; denn klar ist, dass die Entscheidungsgewalt letztendlich bei Männern liegt, denen von klein auf beigebracht wurde, dass eine Frau eine hübsche Zierde an der Hand eines Mannes ist … aber natürlich nur solange sie den Mund hält.

Diese folgsame und kleinmütige Frauenbewegung in unserem Land tut mir leid. Schande über jene Frauen mit ihren lächerlichen Halsketten und der dicken Schicht Make-up, die in offiziellen Medien auftauchen und uns sagen, dass “die kubanische Frau die beste Verbündete der Revolution gewesen ist”. Worte, die in derselben Minute gesagt werden, in der der Geschäftsführer einer Firma seine Sekretärin sexuell belästigt, in der eine misshandelte Frau vergeblich versucht eine Verfügung gegen ihren gewalttätigen Mann zu erwirken, in der ein Polizist einem Opfer sexueller Gewalt sagt ” also, bei dem Rock den Sie tragen…”, und in der die Regierung “Stoßtrupps” rekrutiert, um die “Frauen in Weiß” (Damas de Blanco*) vor deren Häusern mit Sprechchören, Beleidigungen und Schmähungen einzuschüchtern.

Die Frauen sind der Teil der Bevölkerung, der am meisten Grund hätte seine Unzufriedenheit herauszuschreien. Aber auch ein halbes Jahrhundert nach der Gründung dieser Karikatur von einer Organisation – wie sie die FMC ist – sind wir weder freier, noch einflussreicher und nicht einmal unabhängiger geworden.

Anmerkung des Übersetzers: Die “Frauen in Weiß” (Damas de Blanco) sind eine Gruppe von kubanischen Frauen, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte in ihrem Land einsetzten.

Übersetzung: Dieter Schubert

Google Chrome wird auf Kuba „legal“

Das Logo von Google Chrome

Das Logo von Google Chrome

Der Internetriese Google gab gestern den bekannten Browser Chrome für die kubanischen Nutzer zum Download frei. Diese Nachricht erreicht uns nur zwei Monate nach dem Besuch von mehreren Vorstandsmitgliedern der nordamerikanischen Firma in Havanna, bei dem sie sich selbst davon überzeugen konnten, mit welchen Zugriffsschwierigkeiten auf das World Wide Web wir hier zu kämpfen haben.

Bei dem Gespräch, das mehrere Mitglieder von 14ymedio mit Eric Schmidt, dem Verwaltungsratschef von Google, führten, ging es unter anderem auch um genau diese Einschränkungen. Wir freuten uns deshalb sehr als wir hörten, dass die Meinung von Bürgern, die an einem freien Informationsfluss und der technologischen Entwicklung interessiert sind, dazu beigetragen hat, diese Einschränkungen zu beseitigen. Ein Hindernis, das – solange es bestand – der kubanischen Bevölkerung viel mehr im Weg war als einer Regierung, die weltweit zu den größten “natürlichen Feinden” Internets gehört.

Während ihrer Kubareise erfuhren die vier Vorstandsmitglieder nicht nur die Unannehmlichkeiten der Zensur durch die Regierung und der überteuerten Preise der öffentlichen Internetlokale am eigenen Leib, sondern auch die der Einschränkungen, die ihre eigene Firma den Nutzern der Insel auferlegt hat. Wie bitter muss es für sie gewesen sein beim Versuch Google Chrome herunterzuladen folgende Meldung auf dem Bildschirm aufleuchten zu sehen: „Dieser Service ist in ihrem Land nicht verfügbar.“

Die kubanischen Nutzer haben glücklicherweise nicht darauf gewartet, dass die nordamerikanische Firma die Erlaubnis dazu erteilt, dieses Programm von einer nationalen IP zu erhalten. Sowohl Google Chrome als auch Mozilla Firefox und der umstrittene Internet Explorer gehören seit Jahren zu den meistgenutzten Browsern in unserem Land. Es reichte schon wenn jemand das Installationsprogramm bei einer Reise ins Ausland kostenlos herunterlud, damit es von Hand zu Hand oder auch von USB-Stick zu USB-Stick weitergereicht und auf hunderten – tausenden? – von Rechnern installiert wurde.

Jetzt sind wir also von illegalen Nutzern zu einem Teil der Gemeinschaft der mehr als 750 Millionen Menschen auf der Welt geworden, die das Programm auf legalem Weg nutzen. Diese Nachricht ist zwar sehr schmeichelhaft, reicht aber noch lange nicht aus. Bei anderen Anwendungen wie Google Analytics, Google Earth und dem Android App Store hoffen wir noch auf ähnliche Fortschritte. Hoffentlich müssen wir nicht auf einen weiteren Besuch der Vorstandsmitglieder von Google warten, damit diese Beschränkungen auch endlich aufgehoben werden!

Übersetzung: Anja Seelmann

 

Denguefieber und Lügen für Kinder

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Undichte Wasserleitungen wie diese fördern die Verbreitung der Gelbfiebermücke Aedes Aegypti. (14ymedio)

Einem Kind den Tod zu erklären, ist immer eine schwierige Sache. Manche Eltern greifen dabei zu Metaphern, andere zu Lügen. Vor ihren Kindern rechtfertigen Erwachsene den Tod eines Menschen mit Phrasen, die von “er ist in den Himmel gegangen und lebt auf einer Wolke” bis hin zur Lüge “er ist auf Reisen” reichen. Das Schlimmste ist aber, wenn diese Erfindungen das familiäre Umfeld verlassen und Bestandteil der Informationspolitik des Staates werden. Eine Bevölkerung über die wahre Ursache von Todesfällen zu täuschen, heißt, ihr die Reife abzusprechen und ihr das Recht auf Transparenz zu verweigern.

Im Jahr 1981 brach in Kuba eine Epidemie des hämorrhagischen Denguefiebers aus. Ich war damals kaum sechs Jahre alt, aber dieses Ereignis traumatisierte mich schwer. Das Erste, was sie uns in der Schule sagten war, dass die Krankheit von den “imperialistischen Yankees” zu uns geschickt worden war. In meinen kindlichen Albträumen bedrohte uns “Uncle Sam” nun nicht mehr mit einer Waffe, sondern er schickte eine riesige Gelbfiebermücke (Aedes Aegyptii), um uns mit einem “knochenbrechenden” Fieber zu infizieren. Meine Familie geriet in Panik, als sie von den vielen gestorbenen Kindern hörte. Das Bereitschaftspersonal der Kinderklinik im Zentrum von Havanna hatte mit einem heillosen Durcheinander aus Schreien und Weinen zu kämpfen. Jede Stunde fragte mich meine Mutter, ob mir etwas weh tue, und legte ihre Hand auf meine Stirn, um zu kontrollieren, ob ich Fieber hätte.

Informationen gab es nicht, nur Geflüster und Angst, viel Angst. Weil man nicht öffentlich über die wahre Ursache des Übels sprach, konnte sich die Bevölkerung auch fast nicht schützen. In meiner Grundschule liefen wir – angesichts des “unmittelbar bevorstehenden militärischen Angriffs aus dem Norden” – weiterhin zum Schutzraum unter dem Ministerium für Basis-Industrie. Unterdessenn richtete ein winziger und leiser Feind großes Unheil unter Kindern meines Alters an. Aber jene Lüge brauchte nicht lange, um ans Licht zu kommen. Jahrzehnte später kam das Denguefieber wieder zurück, obwohl ich wage zu behaupten, dass es nie verschwunden war, und dass die Gesundheitsbehörden in all den Jahren versuchten dies zu vertuschen.

Jetzt gibt es niemand mehr, dem man die Schuld zuschieben könnte, es sei denn der Verschlechterung der hygienischen Situation in unserem Land. Es ist nicht das Pentagon, es sind tausende Kilometer von beschädigten Leitungsrohren mit Rohrbrüchen, die überall auf der Insel vorkommen. Es ist nicht die CIA, sondern die Unfähigkeit eines politischen Systems, dem es nicht einmal gelungen ist, wenigstens ein neues Abfluss-und Kanalisationsnetz zu installieren. Die Verantwortung dafür liegt nicht im Ausland, sondern bei uns selbst. Kein Laboratorium hat diesen Virus geschaffen, um das kubanische Volk auszulöschen; es ist unser eigener materieller und gesundheitlicher Kollaps, der es verhindert ihn in den Griff zu bekommen.

Wenigstens funktionieren jene naiven Kindergeschichten nicht mehr, wo alles Übel immer von außen kommt. Die Lüge, uns als Opfer einer Krankheit darzustellen, mit der uns die Vereinigten Staaten hinterhältig infiziert haben.., an dieses Märchen glauben nur noch die Dümmsten unter uns. Als wir heranwuchsen haben wir bemerkt, dass uns die Regierung über das Denguefieber belogen hat, und dass dies keine bevormundenden Heucheleien waren, sondern raffinierte Lügen des Staates.

 

Übersetzung: Dieter Schubert