Informieren steht nur an zweiter Stelle

Vor einigen Jahren lernte ich einen ausländischen Berichterstatter kennen, der sich auf Kuba niedergelassen hatte. Er erzählte mir eine absurde und zugleich auch aufschlussreiche Geschichte. Das internationale Pressezentrum (Centro de PrensaInternacional, CPI) hatte ihn angerufen, um ihn wegen des Inhaltes eines seiner Artikel zu verwarnen. Als er die Vorladung erhielt, war er nicht überrascht, denn derartige Mahnanrufe sind eine übliche Praktik dieser Körperschaft zur Erfassung und Kontrolle von ausländischen Journalisten, die auf Kuba leben. Er konnte seine Teilnahme auch nicht einfach verweigern, da die Ausstellung einer Lizenz für alles von einer Reportage in einem Naturreservat bis hin zu einem Interview mit einem Minister vom CPI abhängt. Deshalb ging er hin.

Der Journalist kam zu dem Gebäude in der zentral gelegenen Avenida 23, wo das CPI seinen Sitz hat. Dort wurde er zu einem Büro gebracht, wo zwei Männer mit verärgertem Gesichtsausdruck auf ihn warteten. Nachdem sie ihm Kaffee angeboten und über andere Themen geredet hatten, kamen sie auf das Wesentliche zu sprechen. Sie hatten etwas auszusetzen an einer Reportage des Journalisten, in der er Kuba als „ die kommunistische Insel“ bezeichnet hatte. Die Überraschung von Seiten des Berichterstatters war groß. Die früheren Mahnanrufe hatte er erhalten, weil er „nur Schlechtes über den kubanischen Alltag berichtete“ oder „die Führer der Revolution nicht mit Respekt behandelte“, aber es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dass man ihm dieses Mal genau das Gegenteil vorhalten würde.

Aber ja so war es. Den Zensoren, die peinlich genau die Texte lesen, die die ausländischen Presseagenturen verfassen, hatte der Gebrauch des Adjektivs „kommunistisch“ in Bezug auf unser Land gar nicht gefallen. „Aber hier regiert die kommunistische Partei, nicht wahr?“, fragte der Reporter ungläubig. „Ja, aber du weißt, dass dieses Wort einen falschen Eindruck erwecken könnte; es hilft uns nicht“, antwortete der ranghöchste Beamte. Dem Mann stand einige Sekunden lang der Mund weit offen, während er zu verstehen versuchte was sie sagten und er eine Antwort fand, die kein schallendes Gelächter war.

Der Berichterstatter wusste, dass es ernstzunehmende Folgen haben konnte, wenn man sich mit dem CPI anlegte. In den Händen dieser Institution liegt auch die Ausstellung von Genehmigungen, damit die ausländischen Journalisten ein Auto einführen, ein Haus mieten und gegebenenfalls sogar eine Klimaanlage für ihr Zimmer kaufen dürfen. Das Dilemma, in dem er sich als Berichterstatter befand, bestand darin, entweder nachzugeben und nie mehr „die kommunistische Insel“ zu schreiben oder sich mit der Institution anzulegen, in einem Konflikt, den er nur verlieren konnte.

Die Kontrollmechanismen über die ausländische Presse gehen weit über die Mahnanrufe des CPI hinaus. Es reicht, wenn ein Berichterstatter auf der Insel heiratet und eine Familie in diesem Land gründet, damit seine Objektivität zweifelhaft wird. Die Organe des Geheimdienstes wissen genau, wie sie die Angstkulisse, dass einem geliebten Menschen etwas passieren könnte, geschickt für sich einsetzen können. Auf diese Weise gelingt es ihnen, den Grad der Kritik dieser auf Kuba „eingebürgerten“ Berichterstatter zu mäßigen. Vergünstigungen stellen auch einen Ansporn da, in den Artikeln bestimmte heikle Themen auszulassen.

Ich kenne eine ausländische Journalistin, die jedes Mal, wenn sie eine Pressenotiz über die kubanischen Dissidenten schreibt, einen Absatz anfügt, in dem sie erklärt, dass „ die Regierung diese Opposition als eine Institution erachtet, die von Washington ins Leben gerufen wurde und auch von dort bezahlt wird“… Trotzdem fehlt in ihren Texten ein Satz, der den Lesern einen anderen Standpunkt aufzeigt und im Großen und Ganzen aussagt, dass „die kubanische Opposition die Regierung der Insel für eine totalitäre Diktatur hält, die nicht gewählt wurde“. Auf diese Weise könnten diejenigen, die sich mit der journalistischen Notiz auseinandersetzen, ihre eigenen Schlüsse ziehen. Leider ist das Ziel dieser Berichterstatter, nicht zu informieren, sondern ihren Lesern eine vorgefertigte Meinung aufzudrängen, die genauso klischeehaft wie falsch ist.

Die Presseagenturen müssen ihre ethischen Normen verstärken und sie auch regelmäßig überprüfen, sobald es um Kuba geht. Sie müssen die Dauer des Aufenthalts ihrer Vertreter auf der Insel regulieren, denn wenn diese viele Jahre hier verbringen, bauen sie eine emotionale Beziehung zu dem Land auf, was sie zur Zielscheibe für Erpressungen und Drohungen von Seiten des Regierungsapparats macht. Von Zeit zu Zeit ein Gutachten zur Objektivität kann nicht schaden, wenn man an eine mögliche Unterdrückung oder das Stockholm-Syndrom denkt, das die Angestellten entwickeln könnten. Die fragliche Glaubwürdigkeit eines Mediengiganten hängt oftmals von einem einzelnen Menschen ab, wenn dieser mehr an seinem neuen importierten Auto oder seiner jungen, hübschen kubanischen Freundin hängt als an seiner Verpflichtung gegenüber dem Journalismus.

Also aufgepasst, ihr ausländischen Presseagenturen! Eure Vertreter in unserem Land laufen ständig Gefahr, sich zunächst in Geiseln zu verwandeln und früher oder später in Mitarbeiter des Regierungsapparats.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Meine Mutter und die Zwiebeln

An wen denke ich, wenn ich schreibe? Wie stelle ich mir jenen Leser vor, der meinen Texten näher kommt? Wen will ich mit meinen Worten aufrütteln, bewegen oder erreichen? Solche Fragezeichen kennen all jene, dies sich wie wir der Publikation von Meinungen und Ideen widmen. Es ist eine übliche Frage bei jenen, die Informations- und Pressearbeit betreiben. Die Person zu bestimmen, an die sich unsere journalistische Arbeit richtet, erweist sich als wichtigste Aufgabe, um nicht absurden Verallgemeinerungen, unverständlichen Ausdrucksweisen oder dem Tenor eines didaktischen Handbuchs anheim zu fallen.

Ich schreibe weder für Akademiker noch für Gelehrte. Obwohl ich mich vor geraumer Zeit in spanischer Philologie graduiert habe, gehören Latinismen und Textzitate einem Abschnitt meines Lebens an, der schon lange hinter mir liegt. Ebenso wenig denke ich, dass meine Worte Leute erreichen werden, die bequem in den Sesseln der Macht sitzen; ja nicht einmal an Spezialisten oder Wissbegierige denke ich, die in ihnen nach Schlüsselwörter oder Mitteilungen suchen. Wenn ich vor der Tastatur sitze, denke ich an Leute wie meine Mutter, die mehr als 35 Jahre im Taxigewerbe gearbeitet hat. An jene Leute also, die mit der Realität konfrontiert werden, die während der 24 Stunden eines Tages den Widrigkeiten aus dem Weg gehen,… an die werden sich meine Texte richten.

Manchmal, wenn ich mit meiner Mutter rede, erkläre ich ihr die Notwendigkeit, dass sich Kuba der Demokratie öffnen müsse, dass man die Menschenrechte respektiere und es Freiheit geben solle. Eine Weile hört sie mir still zu. Dann – nach ein paar Minuten – wechselt die Unterhaltung, und sie erzählt mir von Eiern, die nicht verfügbar waren, von einem Bürokraten, der sie genervt hat, von der korrodierten Wasserleitung an einer Stelle im Haus, wo Wasser austritt. Dann frage ich sie, was die Zwiebeln jetzt kosten. Meine Mutter benötigt den Gegenwert von 3 Tagen ihrer Rente, um ein Pfund Zwiebeln zu kaufen. Mehr muss ich jetzt nicht mehr sagen; sie beendet das Gespräch mit: “Dieses Land muss sich verändern.”

Übersetzung: Dieter Schubert

Der Maleconazo* in einer Dose Kondensmilch

Früher haben wir auf den Straßen des Viertels Cayo Hueso miteinander gespielt. Seine Familie errichtete auf einem ödem Stück Land nahe der Zanja-Straße mehrere kleine Häuser aus Pappe, ähnlich denen, die sie bereits in Palmarito del Cauto hatte. Sein Name war Maceo** und etwas in seinem Gesicht erinnerte an jenen Titan so vieler Schlachten, nur dass er sein einziges Gefecht nicht auf einem Pferd, sondern auf einem wackeligen Floß austrug. Als die Unruhen im Jahr 1994 ausbrachen, schloss er sich dem Aufstand an und floh gerade noch rechtzeitig vor den Verhaftungen. Er wollte nicht nach Hause zurück, da er wusste, dass die Polizei auf der Suche nach ihm war.

Er floh allein, auf einem improvisiertem Floß bestehend aus zwei vollgepumpten Reifen eines Lastwagens und ein paar Brettern, die mit einem Seil daran festgebunden waren. Seine Großmutter füllte für ihn Wasser in einen großen Plastikbehälter und gab ihm eine Dose Kondensmilch, die sie bereits seit fünf Jahren aufbewahrt hatte. Das war eines dieser Produkte, die aus der UdSSR eingeführt wurden und – aufgrund der langen Reise – bei ihrer Ankunft auf der Insel bereits hart geworden waren. Meine Generation wuchs mit dieser gezuckerten Kondensmilch auf, und wir mischten sie mit allem, was uns über den Weg lief. Maceo packte die Dose zu seinem spärlichen Proviant – für ihn war sie eher ein Talisman als ein Lebensmittel – und begann seine Reise in der Bucht von San Lázaro.

Er kam nie an. Seine Familie wartete und wartete. Seine Eltern durchforsteten die Häftlingslisten, um festzustellen ob er auf dem Stützpunkt der US-Navy in der Guantánamo-Bucht aufgehalten worden war, doch sein Name tauchte nicht auf. Sie fragten andere, die in der Nähe des Ufers bei einem Fluchtversuch gekentert waren und es erneut versuchen wollten. Keiner wusste etwas von Maceo. Sie suchten die Leichenschauhäuser auf, in denen die Überreste derjenigen, die tot ans Ufer gespült worden waren, aufbewahrt wurden. An diesen tristen Orten sahen sie alles Mögliche, ihren Sohn aber fanden sie nicht. Ein junger Mann erzählte ihnen, dass er in der Nähe der ersten Sandbank mit einem ziellos herumtreibenden Floß zusammengestoßen war. „Es war leer.“, bestätigte er ihnen, „Darauf befand sich nur ein Stück eines Pullovers und eine Dose Kondensmilch.“

* Anmerkung d. Übers.: Als Maleconazo bezeichnet man die Unruhen, die im Jahr 1994 in Havanna ausbrachen. Am 5. August 1994 protestierten tausende Menschen in der Hauptstadt gegen die schwierigen Lebensumstände nach dem Zerfall des Ostblocks. Er war der erste größere Volksaufstand in Kuba nach der Revolution im Jahre 1959.

**Antonio Maceo Grajales war ein kubanischer General und eine der bedeutendsten Figuren des Unabhängigkeitskrieges von 1868-1889. Man nannte ihn auch “El Titán de Bronce” (Der Titan aus Bronze).

Übersetzung: Anja Seelmann

Tage, an denen man den Fernseher lieber nicht einschaltet

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Eine Frau vor dem Fernsehgerät. (14ymedio)

Es gibt Tage, an denen man den Fernseher lieber nicht einschaltet. Zurzeit überrollt uns, kaum das wir den Knopf gedrückt haben, eine regelrechte Lawine von Propaganda anlässlich der Geburtstage von Hugo Chávez und Fidel Castro. Vom 28. Juli bis zum kommenden 13. August ist das langweile nationale Fernsehen vollgepackt mit Personenkult, ideologischem Kitsch und politischer Gefühlsduselei. Wir sind umzingelt von Kinderchören, die zu Ehren des „ewigen Oberbefehlshabers“ singen, den Anekdoten von Personen, die sie gerade mal von weitem gesehen haben und nicht enden wollenden biographischen Szenen.

„Nicht einmal der Nachrichtensprecher hat noch Nachrichten für uns“, beschwerte sich gestern ein Nachbar, der sich über die Geschehnisse aus aller Welt informieren wollte, aber nur eine Prozession von Uniformträgerin in rot und olivgrün zu sehen bekam. Heute Morgen passierte mir das gleiche mit der ersten Nachrichtensendung des Tages. Eine Stunde nach deren Beginn hatte ich immer noch nicht die kleinste national oder international relevante Information erhalten. Stattdessen sah ich nur die Lobeshymnen an den „unsterblichen Kämpfer ganz nach dem Vorbild von Simón Bolívar*“ und dem „ weisen Guerilla, der ihn liebte wie einen Sohn.“ Ich neige bei einer solchen Überdosis an Schleimerei eher zur Ungeduld, also schaltete ich den Fernseher aus und rief meine Freunde an, damit sie mir erzählten was hier und dort so passierte. Zumindest bleibt uns noch Radio Bemba**!

Die Regierung sieht sich nach wie vor mit der alternativen Verbreitung von Information, sowie von Serien und Filmen in den sogenannten Kombipacks oder Paketen konfrontiert. Dennoch nimmt sie keinerlei Änderung am Fernsehprogramm vor, um es gerade für die Jüngsten unter uns ansprechbarer zu machen. Stattdessen verwandelt sie den kleinen Bildschirm in einen Lautsprecher für politische Weisungen und in ein Abspielgerät von langweiligen Programmen, die unter den Zuschauern nur Unmut und Ablehnung hervorrufen. So wird das nationale Fernsehen niemals die Zuschauer zurückerobern, die es bereits an die illegalen Satellitenschüsseln, die auf die USB-Sticks kopierten Dateien und die mit Dokumentationen vollgestopften Festplatten verloren hat. Wenn es mit dem ideologischen Exzess so wie an diesen Tagen weiter geht, dann wird sich das nationale Fernsehen in kürzester Zeit in einem Monolog verwandeln, dem dann nur noch wenige zuhören werden.

* Anmerkung d. Übers.: Simón Bolívar war ein südamerikanischer Unabhängigkeitskämpfer im 18/19 Jahrhundert und ist heute Nationalheld vieler südamerikanischer Länder.

** Als „Radio Bemba“ bezeichnen die Kubaner umgangsprachlich die Gerüchteküche, durch die sie über ihre Nachbarn an Neuigkeiten oder Nachrichten gelangen.

Übersetzung: Anja Seelmann

Straßen ohne Protest

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Pro-Palestina-Demonstranten auf einer Straße in Wien. (Luz Escobar)

Eine Freundin schickte mir die Fotos von einem Protestmarsch auf Wiens Straßen zugunsten der Palästinenser. Auch von anderen Teilen des Planeten erhielt ich Fotos mit Plakaten, die Solidarität oder Ablehnung für den einen oder den anderen beteiligten Part im Gaza-Konflikt ausdrücken. Viele Menschen ergriffen Partei und bekundeten ihre Meinung auf verschiedene Weise: mit einem Tweet, mit der Art sich zu kleiden, mit einem Aufschrei oder einem öffentlichen Protest. In Kuba hingegen können sich nur die Presse und die Regierungsinstitutionen durch Schlagzeilen oder Erklärungen dazu äußern. In den 14 Tagen dieser letzten und blutigen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas fand keine einzige spontane Demonstration zu diesem Thema auf unseren öffentlichen Plätzen statt.

Die Freiheit kann man vortäuschen und mit falschen Angaben über Wohlstand und Recht belegen, jedoch wird jene immer von irgendeiner Tatsache auf die Probe gestellt. Die Tatsache, dass es bei uns keine öffentlichen Proteste zu nationalen und internationalen Themen gibt, macht offenkundig woran wir leiden: am Fehlen von Rechten und sozialer Selbstbestimmung. Es handelt sich um dieselbe Knebelung, die auch die LGBT*-Community davon abhielt, wegen der Ankunft Vladimir Putins zu demonstrieren, der als einer der Präsidenten mit der am stärksten ausgeprägten Homophobie auf unserem Planeten gilt. Auch ist es ein schlechtes Zeichen, dass heute bei der Ankunft von Xi Jinping niemand am Flughafen zu sehen ist, der Freiheit für die chinesischen Dissidenten fordert, oder einen besseren Umweltschutz in jenem Land.

Noch einmal: Freiheit kann vorgetäuscht werden, aber innerhalb von einer Minute macht sich ihr Fehlen bemerkbar; ihre immense Abwesenheit. Einige meiner Freunde – einer hält seine Kufija bereit, der andere trägt einen Davidstern auf dem Arm tätowiert – werden nicht auf die kubanischen Straßen gehen können, um ihrer Sympathie oder ihrer Entrüstung Ausdruck zu verleihen. Niemandem ist es erlaubt aus Eigeninitiative die Toten, das Blut und den Schmerz öffentlich zu verurteilen. Deshalb werden wir keine Fotos zu Gesicht bekommen, die Havannas Straßen voller Menschen zeigen, die sich über das empören, was in Gaza passiert.

*Anm. der Übersetzerin:

Die Buchstaben L, G, B und T stehen für die englischen Begriffe “Lesbian”, “Gay”, “Bisexual” und “Trans”. Homosexualität wird nach langjähriger Diskriminierung in zunehmendem Maße auf Kuba akzeptiert.

Übersetzung: Nina Beyerlein

 

 

 

Der Kater nach der WM

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Ein Fußballspiel der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. (14ymedio)

Das letzte Spiel ist vorbei, das Tor der Deutschen geschossen, und von Götze, der den Pokal der WM 2014 in Brasilien hoch hält, bleibt nur noch die Erinnerung. Keine Treffen mehr, mit Freunden – in Costa Rica- und Italien-Fahen gewickelt – , um gemeinsam die Spiele beim ‘Public Viewing’ zu verfolgen. Etwas von dieser Stimmung liegt natürlich noch in der Luft, aber die Begeisterung, die ganz Havanna jedes Mal ergriff, wenn der Ball in eines der Tore in Rio de Janeiro oder Sao Paulo ging, ist schon jetzt nur noch eine weitere Erinnerung. Die bunt bemalten Gesichter, die La-Ola-Wellen, die durch die Zuschauermengen gingen und die von Millionen Menschen geteilte Euphorie. Die Fußballparty ist zu Ende und was bleibt ist der Kater.

Der Kater ist die Rückkehr in die Realität. Zurück zu den Regalen in den Geschäften, wo man feststellen muss, dass noch weniger Waren vorhanden sind als vor vier Wochen. Mitzubekommen, dass gestern hundert Damen in Weiß* beim Versuch eine Gedenkfeier für die Opfer des Untergangs des „Schleppers vom 13. März“* abzuhalten, verhaftet wurden. Es gibt keine Stars, die uns in diesen schwierigen Momenten mit einem passenden Ohrwurm begleiten, eher vielleicht Gerüchte, die uns von Freunden überbracht werden über „Dinge, die dort draußen so los sind”,… “das Denguefieber, die Cholera, das Chikungunyafieber und die afrikanische Riesenschnecke.”

Wie ein Schlag ins Gesicht – und das ohne rote Karte für den Gegner- kehrt die Realität zurück. Kein Torhüter dieser Welt kann den schnellen Alltagsball, diesen schmerzhaften und unaufhaltsamen Schuss, halten. Wir sind wieder zurück in unserer Weltmeisterschaft ohne Scheinwerfer, ohne Kommentatoren, die „Tooooor!“ brüllen, und ohne dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, das bei Sportevents oft aufkommt. Kurzum, wir erleben eine „Weltmeisterschaft“ mit strengen Regeln, einem unerbittlichen Schiedsrichter und das ohne Pokal! 

Schon am Montagmorgen sah man sie wie aus einem Traum erwachen. Hunderte von Kubanern, vor allem Jugendliche, die sich von der Leidenschaft der Weltmeisterschaft  mitreißen haben lassen, als ob sie selbst am Ball wären. Heute wurde ihnen bewusst, dass sie weder Deutsche, noch Niederländer, noch Argentinier sind und, dass sie dort draußen vor ihrer Haustür ein Kuba in schwierigen Zeiten erwartete. Kein Kuba, auf dem in den letzten vier Wochen die Zeit in Erwartung eines Pfiffs zur Wiederaufnahme des Spiels still gestanden hatte, sondern ein Kuba, das in der Zwischenzeit in Rückstand geraten ist. Werden sie bereit sein die Spielregeln dieser Realität zu ändern? Oder werden sie einfach auf die nächste Gelegenheit warten, um sich vor den Bildschirm zu flüchten oder einem Ball hinterher zu jagen?

Anmerkung der Übersetzerin:

*Die Damen in Weiß (spanisch Movimiento Las Damas de Blanco “Laura Pollán”) sind eine Gruppe kubanischer Frauen, die sich für die Beachtung der Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzen.

*Der „Schlepper vom 13. März“ war ein kubanisches Boot, das am 13. März 1994, mit 72 Personen an Bord, die versuchten das Land zu verlassen, auslief. Nach einigen Seemeilen sank das Schiff, wobei 41 Personen ums Leben kamen.

Übersetzung: Katrin Vallet

Los Bolos, Bonbons und Gefahren

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Putin und Raúl Castro, zusammen im kubanischen Fernsehen. (14ymedio)

„Das sind die letzten Bonbons!” Dieser Schrei könnte der schlichte Ausruf eines Süßwarenverkäufers sein, aber diese Worte hörte ich vor 23 Jahren während meines letzten Schuljahres auf dem Land, und für mich war es der erste Beweis für den Zerfall der Sowjetunion. Der Schrei kam von Olga, einer Schülerin, die weiterverkaufte, was sie von den Ehefrauen der russischen Techniker bekam, die sich in Alamar niedergelassen hatten. Sie war das Bindeglied zwischen unserem kubanischen Geld, das sich immer stärker entwertete, und einer Reihe von Produkten, wie Süßigkeiten und Konservendosen „Made in UdSSR“. Diese Jugendliche, die uns auf den Warenengpass hinwies, halte ich für eine Art blinden Teiresias* – sie prohezeite uns den Abschied von den Bolos (deutsch: den Kegeln), wie wir die Russen nennen.

Aufgrund des Staatsbesuchs von Vladimir Putin auf Kuba rufen wir uns in diesen Tagen die alte Beziehung zum Moskauer Kreml erneut ins Gedächtnis. Im Staatsfernsehen haben wir die offizielle Delegation mit ihren „Business-Outfits“, in Anzug und Krawatte, gesehen. Dies zeugte weder vom Marxismus-Leninismus noch von einer Diktatur des Proletariats. Sie sehen anders aus, sind aber so gleich. Sie haben den gleichen Blick, von oben herab, wie damals, als sie erkannten, dass unsere Insel nur eine kleine Figur in ihrem Machtspiel ist. Sie sind auf der Suche nach Bündnissen zu uns gekommen, um die Umrisse jener Staatenblocks festzulegen, die sich – vor unseren Augen – in einer Rückkehr des Kalten Krieges wiederaufbauen. Wir sind kurz davor, wieder unsere frühere Satellitenfunktion zu übernehmen, eingeschüchtert von der Macht Moskaus, seinem Erdöl und dem Schuldenerlass, den es uns gerade gewährt hat.

Kein einziger offizieller Kommentator hat die Gefahren erwähnt, die diese Annäherung mit sich bringt, und auch nicht die Tatsache, dass die russische Regierung Lateinamerika als diplomatischen Ausgangspunkt gegen seinen alten Gegner, den Vereinigten Staaten, nutzen will. Inmitten dieser erneuten Konfrontation der Großmächte stecken wir nun fest, gegebenenfalls als ein verzichtbarer und verhandelbarer Teil. Das Risiko besteht, und ich denke wieder an Olga und die letzten sowjetischen Bonbons, die sie uns in unserer Unterkunft anbot. Jene Süßigkeiten, die nur noch schwer zu bekommen waren, sagten uns ein Ende voraus; die Leckerbissen, die uns heute angeboten werden, wie ein neuer Flughafen und mögliche Investitionen Russlands in den Hafen von Mariel*, gefährden unsere Zukunft. Man muss weder blind noch Teiresias sein, um das zu bemerken.

Anmerkung der Übersetzerin:

*In der griechischen Mythologie ist Teiresias ein blinder Prophet, dem nachgesagt wurde, dass er die Zukunft vorhersehen kann.

*Mariel ist der kubanische Hafen, der am nächsten zu den USA liegt.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm